Fortschritte in der strukturellen Integration von Zugewanderten in Vorarlberg (2018)

Durch die Arbeitskräfteerhebung, die im Rahmen des Mikrozensus durchgeführt wird, gibt es für Vorarlberg aussagekräftige Daten, um den Verlauf der Integrationsprozesse von Zugewanderten der sogenannten Gastarbeiter-Migration und ihrer Nachkommen zu beobachten und zu bewerten. Die Arbeitskräfteerhebung fokussiert auf die Bildung und die Beschäftigung der österreichischen Bevölkerung und damit auf zwei Bereiche, die in allen gängigen Modellen zur Erklärung und Beschreibung von Integrationsprozessen von Individuen und Gruppen als Schlüsselbereiche einer erfolgreichen Integration gesehen werden.

Der Soziologe August Gächter wurde von okay.zusammen leben mit der Analyse dieser Daten beauftragt. Die Analyse macht positive Entwicklungen und noch zu bewältigende Herausforderungen sichtbar. Die wichtigsten Ergebnisse sind hier kurz dargestellt und können in den Berichten im Detail nachgelsen werden.


Zusammensetzung der Vorarlberger Bevölkerung

 

Vorarlbergs Bevölkerung wird diverser

Wird die Vorarlberger Bevölkerung in ihrer Gesamtheit betrachtet, sinkt der Anteil der Menschen, die Eltern haben, die beide in Österreich geboren sind und die selbst die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, stetig. Der Anteil der Menschen „mit Migrationshintergrund“ , also mit einer nicht-österreichischen Staatsbürger-schaft oder mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil, steigt. Darin spiegeln sich auch der steigende Zuzug aus den sogenannten neuen EU-Mitglied-staaten und die Fluchtmigration der letzten Jahre wider.

 

Ein steigender Anteil der Zugewanderten der „Gastarbeiter-Migration“ und ihrer Nachkommen besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft

Der Anteil der österreichischen Staatsangehörigen unter den Zugewanderten aus der Türkei und aus dem ehemaligen Jugoslawien und ihren Nachkommen ist in den letzten zehn Jahren gestiegen. Bei Personen mit Eltern aus der Türkei lag der Anteil der österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zuletzt bei etwa 60 %. Er war damit höher als bei Personen mit Eltern aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens.  Gesunken ist der Anteil der österreichischen Staatsangehörigen in den letzten Jahren bei Gruppen, deren Größe sich durch neueren Zuzug stark verändert hat: bei der Personengruppe mit Eltern aus den sogenannten neuen EU-Staaten und aus sonstigen Drittstaaten.

 

Vorarlbergs Jugendliche werden diverser – der Anteil „mit Migrationshintergrund“ steigt

Die beschriebene Diversifizierung der Vorarlberger Bevölkerung zeigt sich auch in der Zusammensetzung der Jugendlichen. Vor ca. zehn Jahren hatten 26 % der Vorarlberger Jugendlichen (im Alter von 15 bis 24 Jahren) mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren wurde; mittlerweile sind es 34 %. Dabei handelt es sich schon lange nicht mehr fast ausschließlich um Jugendliche mit Eltern aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien – ihr Anteil an den Jugendlichen war in den letzten Jahren gleichbleibend. Immer mehr Jugendliche haben Eltern aus dem EU-Raum oder aus anderen Drittstaaten.


Bildungsbeteiligung von Jugendlichen

 

Jugendliche mit Eltern aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien bleiben länger in Bildung – sie machen vermehrt Ausbildungen und Abschlüsse über die Pflichtschule hinaus

Im Verlauf des letzten Jahrzehnts lassen sich bei den Nachkommen der sogenannten Gastarbeiter-Migration beachtliche Veränderungen im Hinblick auf die Bildungs-beteiligung nachweisen. Der Anteil der Jugendlichen, die auf einen mittleren oder höheren Abschluss hinarbeiten (oder einen solchen Abschluss erreicht haben) nimmt zu. Der Anteil der Jugendlichen, die nach der Pflichtschule keine weitere Schule besuchen oder keine Ausbildung absolvieren, sinkt. Besonders bemerkens-wert ist die positive Entwicklung der Bildungsbeteiligung bei Jugendlichen mit Eltern aus der Türkei. Vor allem junge türkeistämmige Frauen streben immer stärker in Richtung Matura (und darüber hinaus). Die Ursachen dieser Veränderungen dürften in der steigenden Bildung der Eltern und in der schlechten Wirtschaftslage der letzten Jahre liegen.

 

Der Anteil der NEET unter Jugendlichen mit Eltern aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien nimmt ab    

Im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat sich unter den Jugendlichen mit Eltern aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien der Anteil jener verringert, die nicht erwerbstätig oder in formaler Ausbildung sind und auch keinen Kurs besuchen (sogenannte NEET). Diese positive Entwicklung darf aber nicht darüber hinweg-täuschen, dass noch immer Jugendliche mit Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien doppelt so häufig und Jugendliche mit Eltern aus der Türkei dreimal so häufig NEET sind wie Jugendliche mit Eltern aus Österreich.


Erwerbsbeteiligung von Frauen

 

Frauen der „zweiten Generation“ sind gut in den Arbeitsmarkt integriert

Die Erwerbstätigkeit von Frauen mit Eltern aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien ist in den letzten Jahren gestiegen. Besonders Frauen, die ihre Bildung in Österreich erworben haben (die „zweite Generation“), sind gut in den Arbeits-markt integriert. Seltener erwerbstätig sind allerdings Frauen, die ihre Bildung in der Türkei erworben haben (die „erste Generation“).

 

Beschäftigte Frauen „mit Migrationshintergrund“ arbeiten in ähnlichem Ausmaß Vollzeit wie Frauen „ohne Migrationshintergrund“

Zuletzt arbeitete knapp die Hälfte der beschäftigten Frauen der „ersten Generation“ aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien Vollzeit. Bei Frauen mit Bildung und Eltern aus Österreich ist dieser Anteil fast gleich hoch. Bei Frauen der „ersten“ und „zweiten Generation“ aus dem ehemaligen Jugoslawien und bei Frauen der „zweiten Generation“ aus der Türkei war der Anteil der Vollzeit-beschäftigten über viele Jahre sogar höher. In den letzten Jahren gab es eine starke Annäherung an den Vollzeitanteil von Frauen mit Bildung und Eltern aus Österreich.


Berufliche Positionierung

 

Trotz steigenden Bildungsniveaus üben Frauen und Männer der zweiten Generation nur selten qualifizierte Tätigkeiten aus

Nur ein geringer Anteil der Nachkommen von Zuwanderinnen und Zuwandern, die ihre Bildung in Österreich erworben haben, übt eine qualifizierte Tätigkeit (Facharbeit, mittlere und höhere Angestelltentätigkeiten, leitende oder selbst-ständige Tätigkeiten) aus. Bei Frauen der „zweiten Generation“ mit Eltern aus der Türkei üben ca. 20 % eine qualifizierte Tätigkeit aus. Dieser Anteil ist seit 2011 gestiegen. Die anderen 80 % üben Hilfs- und Anlerntätigkeiten aus. Bei Männern der „zweiten Generation“ mit Eltern aus der Türkei liegt der Anteil der in einer qualifizierten Tätigkeit Beschäftigten bei etwa 15 %. Im Verlauf der letzten zehn Jahre scheint sich dieser Anteil kaum verändert zu haben.

 

Formale Qualifikationen bleiben häufig ungenutzt

Etwa 30 % der Beschäftigten, die in Österreich Abschlüsse über der Pflichtschule erreicht haben und deren Eltern aus der Türkei stammen, sind in Hilfs- und Anlerntätigkeiten beschäftigt. Bei der „zweiten Generation“ mit Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien beträgt dieser Anteil bei Männern ca. 20 % und bei Frauen ca. 25 %. Das heißt, diese Personen haben mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse, arbeiten jedoch in Tätigkeiten, für die keine formale Ausbildung notwendig ist. Bei der „ersten Generation“ sind diese Anteile der unterqualifiziert Beschäftigten noch weit höher.

 

Die Mehrheit der Beschäftigten der „ersten“ und „zweiten Generation“ arbeitet zu „sozial ungünstigen“ Arbeitszeiten

Zwischen 50 % und 70 % der Beschäftigten der „ersten“ und „zweiten Generation“ aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien arbeiten zu „unsozialen Arbeitszeiten“ (d. h. Schichtarbeit, wiederholte Samstag-, Sonntag-, Abend- oder Nachtarbeit und stark wechselnde Normalarbeitszeiten). Auffällig ist, dass auch (mindestens) jeder und jede zweite Beschäftigte der „zweiten Generation“ solche Arbeitszeiten hat. Im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat sich daran kaum etwas geändert.

 

Die Beschäftigung der „ersten“ und „zweiten Generation“ konzentriert sich stark auf wenige Branchen – Beschäftigung im öffentlichen Dienst ist äußerst selten

Die Beschäftigung der „ersten“ aber auch der „zweiten Generation“ konzentriert sich stark auf wenige Wirtschaftszweige (u.a. Sachgüterproduktion, Beherbergung und Gastronomie, Handel). Die Beschäftigung im öffentlichen Dienst ist äußerst selten: Personen, die ihren höchsten Bildungsabschluss in der Türkei oder in Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens erworben haben, sind in Vorarlberg so gut wie nie im öffentlichen Dienst beschäftigt. Das trifft auch auf Männer der „zweiten Generation“ zu. Bei Frauen der „zweiten Generation“ mit Eltern aus der Türkei gibt es einige wenige Beschäftigte im öffentlichen Dienst – vermutlich konzentriert auf den Bereich Erziehung und Unterricht.


Wohnsituation

 

Zugewanderte der „Gastarbeiter-Migration“ und ihre Nachkommen wohnen immer häufiger im Eigentum

Die Anzahl der Haushalte mit einer Haushaltsreferenzperson (Die Haushaltsreferenzperson ist jene Person im Haushalt, die für den Haushalt wirtschaftlich am bedeutendsten ist; idR trägt sie am  meisten zum Einkommen bei) der „ersten“ oder „zweiten Generation“ aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien, die in Haus- oder Wohnungseigentum leben, ist in den letzten Jahren deutlich angewachsen. Damit stieg auch der Anteil der zugewanderten Bevölkerung und ihrer Nachkommen, die im Eigentum leben. Dennoch bleiben große Unterschiede zur Bevölkerung mit zwei in Österreich geborenen Elternteilen bestehen.

 

Der gemeinnützige Wohnbau bleibt auch für die „zweite Generation“ eine wichtige Wohnform

Etwa ein Drittel der Bevölkerung mit einer Haushaltsreferenzperson der „ersten Generation“ aus Bosnien und Herzegowina, Serbien, Mazedonien, Montenegro, dem Kosovo oder der Türkei lebt im gemeinnützigen Wohnbau. Auch für die „zweite Generation“ bleibt der gemeinnützige Wohnbau eine wichtige Wohnform – insbesondere für die „zweite Generation“ mit Eltern aus der Türkei. Daran scheint sich in den letzten Jahren auch kaum etwas geändert zu haben.



Details nachlesen:

Im Detail können Sie diese Ergebnisse in einem Kurzbericht und in einer ausführlicheren Langfassung nachlesen (Download in der rechten Spalte).

 

Vermittlung:

Auf Anfrage vermitteln wir diese Ergebnisse auch gerne in Form von Vorträgen und Weiterbildungen (Kontakt: Caroline Manahl, caroline.manahl@okay-line.at).

 

Veranstaltungsrückblick:

Erstmalig präsentiert wurden diese Ergebnisse bei der Veranstaltung „ ... und sie bewegt sich doch.“ am 19. Februar 2018 im Pförtnerhaus in Feldkirch. Die Präsentation zur Veranstaltung und die Dokumentation der anschließenden Diskussion stehen ihnen in der rechten Spalte zum Download zur Verfügung.