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Bräuche, Mythen und Klischees: Anders als die anderen?

Stand: 2005

 

Welche der Eigenarten man in Vorarlberg als Besonderheit empfindet, hängt davon ab, aus welchem Kulturkreis man selbst stammt. Zu den auffälligen Eigenarten der hier lebenden Menschen gehören sicher die Sprache, die Naturverbundenheit und der Stellenwert von Haus- oder Wohnungsbesitz. Vorarlberg gehört – wie ganz Österreich – zu den wohlhabenden Ländern der Welt, und dieser Wohlstand ist zumindest so verteilt, dass kaum soziale Spannungen zu spüren sind. Allerdings gibt es auch hierzulande jene Tendenzen, die wir aus anderen entwickelten Industrienationen kennen: wachsende Arbeitslosenzahlen (vor allem bei Jugendlichen), immer mehr Menschen, die sich verschulden, und auf der anderen Seite eine kleine Zahl von Menschen, die immer reicher werden und oft für jene, die weniger haben, als Vorbild dienen – zumindest, was das Geldausgeben betrifft.

"Städtische" Probleme
Manche Probleme, mit denen die Gesellschaft in Vorarlberg konfrontiert ist, gelten wohl zu Unrecht als "städtische" Probleme. Jedenfalls haben sie sich längst auch in ländlichen Gemeinden ausgebreitet – beispielsweise ein recht massives Drogenproblem, das zum Teil mit wirtschaftlichen Besonderheiten (z.B. in der zeitlich belastenden Tourismusbranche) zu tun hat, das aber auch durch die Grenzlage zwischen der Schweiz und Deutschland verstärkt wird; eine hohe Scheidungsrate, die vielleicht auf den Widerspruch zwischen den familiären Erwartungen und der gesellschaftlichen Realität zurückzuführen ist, vielleicht aber auch auf ein wachsendes Selbstbewusstsein der Frauen; und eine sehr unterschiedlich gelebte Religiosität (rund 80% der Bevölkerung gehören der katholischen Religionsgemeinschaft an, etwa 9% der islamischen, rund 3% der orthodoxen christlichen und rund 2,5% der evangelischen Kirche): Zwar ist der Jahresablauf generell – und österreichweit – christlich geprägt, doch beschränkt sich die aktive Religionsausübung eher auf kleinere Gemeinden, während in den Städten und den industriell geprägten Gemeinden nur eine Minderheit aktiv am religiösen Leben teilnimmt.

West-Ost-Gefälle?
Was BesucherInnen oder neuen Bewohnern und Bewohnerinnen des Landes bald auffallen wird, ist die – von manchen Medien intensiv gepflegte – Betonung der eigenen Besonderheit: Vorarlberg rühmt sich eines besonders föderalistischen Geistes, und dazu gehört eine zumindest unterschwellige Überzeugung, man sei in vielem besser als andere. Wobei mit diesen "anderen" vorzugsweise der Osten Österreichs gemeint ist. Aversionen gegen die Metropole Wien haben Tradition. Wien symbolisiert die Zentralmacht, der vorgeworfen wird die Länder zu benachteiligen.

In der Abgrenzung zu den "anderen" entsteht auch eine Gemeinschaft der Vorarlberger und Vorarlbergerinnen. Wer nicht hier geboren wurde, muss allerdings damit rechnen, dass er oder sie nicht gleich in diese Gemeinschaft aufgenommen wird, und selbst unter den hier Geborenen gibt es "richtige" und weniger richtige VorarlbergerInnen. Ausschlaggebend für die gesellschaftliche Akzeptanz können das Beherrschen der Mundart, die Lebensweise oder andere – letztlich austauschbare – Kriterien sein.


Gewohnheiten und Bräuche
Erwähnt werden sollten aber noch ein paar Bräuche sowie Gewohnheiten, auf die man häufig stößt:

Essenszeiten: Die meisten Menschen nehmen ihr Mittagessen zwischen 12 und 14 Uhr und das Abendessen zwischen 18 und 21 Uhr zu sich, weshalb sich auch die Öffnungszeiten vieler Restaurants und Gasthäuser an diesen Zeiten orientieren. Ausnahme: die Ethno-Restaurants, also Italiener, Griechen oder China-Restaurants, sowie Selbstbedienungslokale in Supermärkten und Einkaufszentren sowie einige städtische Lokale.

Familienleben: Die Familie hat als Institution eine große Bedeutung. Die Familie mit mehreren Generationen unter einem Dach ist jedoch eher die Ausnahme (dafür sind dann die Sonntage oft die Tage der Zusammenkunft der ganzen Familie). Kinder haben einen sehr großen Stellenwert.

Umgang mit dem öffentlichen Raum: Kinder benützen öffentliche Plätze gerne als Spielplatz, während sich Erwachsene in der Freizeit im Normalfall entweder in Privaträumen (incl. dem eigenen Garten) oder in öffentlichen Lokalen aufhalten. Deshalb fallen Menschen aus anderen Kulturkreisen, die – oft auch aus Mangel an entsprechend großem Wohnraum – an öffentlichen Orten ihre Freizeit verbringen, eher auf als in anderen Ländern. Auch hier gibt es aber Ausnahmen: In den Dörfern ist es durchaus üblich, sich beispielsweise nach dem sonntäglichen Gottesdienst auf dem Dorfplatz zu treffen um die neuesten Nachrichten auszutauschen.

Freizeitgestaltung: Aktive Freizeitgestaltung gehört zu den liebsten Beschäftigungen eines recht großen Teiles der Vorarlberger Bevölkerung. Das bedeutet, dass man morgens und abends auf Fitnessparcours und Wanderwegen zahlreichen JoggerInnen begegnet, auf Bergstraßen MountainbikerInnen und generell in den Bergen Wanderern und Wanderinnen, BergsteigerInnen sowie Kletterern und Kletterinnen. Und vor allem an Wochenenden machen sich viele auf den Weg zum Wandern, zum Schwimmen oder, im Winter, auf die Berge zum Schifahren und Rodeln.

Nachtleben: Dass die Regeln der abendlichen Freizeitgestaltung auch etwas mit den klimatischen Bedingungen zu tun haben, zeigt sich in warmen Sommern: Dann sind Gartenlokale und städtische Plätze ebenso voll mit Menschen wie Badestrände und Parks. Normalerweise bleibt aber nur die Wahl zwischen privaten Räumen und öffentlichen Lokalen. Die wiederum haben in vielen Fällen bis Mitternacht geöffnet, wobei eine Reihe spezieller Nachtklubs auch wesentlich spätere Sperrstunden (so heißt die vorgeschriebene Schließzeit) haben. Gerade Nachtklubs sind aber auch dafür bekannt, dass sie nicht jeden Gast hineinlassen. An der Tür ist dann oft nicht die wirkliche Nationalität, sondern das Aussehen und die vermeintliche Herkunft das Kriterium für den freien Zugang.

Pünktlichkeit: In der Regel versucht man in Vorarlberg, vereinbarte Zeiten ziemlich exakt einzuhalten, und es gibt auch wenig akzeptierte Ausreden für Verspätungen: Die Verkehrsstaus halten sich in Grenzen, Streiks existieren praktisch nicht und die öffentlichen Verkehrsmittel sind meistens pünktlich. Es empfiehlt sich deshalb, Verspätungen anzukündigen um keine größeren Irritationen auszulösen. Das gilt übrigens auch für private Einladungen: Wer zum Essen eingeladen wird, wird normalerweise zur ausgemachten Zeit erwartet, weil sich auch der Kochplan danach richtet.

Privatbesuche: Allgemeingültige Regeln für private Besuche gibt es nicht. Ob man bei spontanen Besuchen auf freudige Gastfreundschaft oder mühsam unterdrücktes Entsetzen stößt, hängt von individuellen Lebensgewohnheiten ab. Das gilt auch für Verhaltensweisen wie das Ausziehen der Straßenschuhe (das nur in islamischen Haushalten grundsätzlich erwartet wird), die Zeit des Aufbruchs etc. Die meisten dieser Verhaltensweisen hängen lediglich von den Gewohnheiten der betreffenden Personen ab, die man aber erfragen darf ohne unhöflich zu wirken.

Begegnungen und Kontakte: Etwas schwieriger sieht es mit den persönlichen Kontakten aus: Im Allgemeinen darf man in Vorarlberg nicht damit rechnen, dass man schnell in ein Gespräch verwickelt oder gar in ein bestehendes soziales Netz einbezogen wird. Wie schnell man Kontakt findet, hängt natürlich auch von der eigenen Kommunikationsfreude ab. In Lokalen ist es durchaus üblich, dass Menschen allein an Tischen oder Theken sitzen.

Fasching und andere Bräuche: Eine ganz besondere Methode der Kontaktpflege ist hierzulande vor allem im Winter weit verbreitet: In der Faschingszeit, die offiziell vom 11. November bis zum – jährlich anders datierten – Aschermittwoch reicht, finden zahlreiche Tanzveranstaltungen und Umzüge statt: Bei den Umzügen präsentieren sich die verschiedenen Faschingszünfte, Musikgruppen, aber bisweilen auch Schulklassen in speziellen Verkleidungen.

Das Jassen: Und schließlich stößt man in Vorarlbergs Gasthäusern auf einen weiteren Brauch, dessen Regeln sich Außenstehenden zunächst verschließen: das am meisten verbreitete Kartenspiel, das Jassen. Es wird ansonsten nur in der Schweiz gepflegt – mit anderen Karten und etwas anderen Regeln. Wer in Vorarlberg wirklich dazugehören will, sollte jassen lernen – und am besten übersehen, dass viele Einheimische das Spiel selbst nicht beherrschen.

 

 

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Sas, 27.01.2010
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