Wirtschaft: Vom Textilland zum Hi-Tech-Tourismusgebiet
Stand: 2005
Es gibt in Vorarlberg noch Bauern und Bäuerinnen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt, denn es sind nur noch knapp 4.000 Menschen – also gerade einmal 3% der Berufstätigen – hauptberuflich in der Landwirtschaft beschäftigt. Zum Vergleich: In der Industrie arbeiten über 60.000 bzw. knapp 40% aller Berufstätigen. Die Zahl der unselbstständig Erwerbstätigen betrug übrigens in der Mitte des Jahres 2000 rund 140.000.
Es gibt also noch Bauern und Bäuerinnen, und sie sind trotz ihrer geringen Zahl auch sichtbar, prägen sie doch einen Teil der Vorarlberger Landschaft: die Bergbauern und -bäuerinnen im Großen Walsertal ebenso wie die Gemüsebauern und -bäuerinnen im Rheintal oder die Milchbauern und -bäuerinnen im Bregenzerwald. Viele der verbliebenen LandwirtInnen bemühen sich um neue Produktions- und Vermarktungsmethoden. Die biologische Landwirtschaft ist ebenso im Vormarsch wie die Direktvermarktung regionaler Produkte. Ansonsten dienen viele Bauern und Bäuerinnen vor allem als LandschaftspflegerInnen, was sie allerdings nicht gerne hören.
Dabei gibt es eine zweite Branche, die von eben dieser gepflegten Kulturlandschaft lebt: der Tourismus. Rund sechs Prozent der Berufstätigen arbeiten im Hotel- und Gastgewerbe, wobei es je nach Saison sehr starke Schwankungen gibt, denn in manchen Regionen ist nur der Winter-, in anderen vor allem der Sommertourismus von Bedeutung. Entsprechend groß ist dann der Bedarf an Saisonarbeitskräften, die aus dem gesamten EU-Raum, aber auch – im Rahmen jährlich neu festgelegter Kontingente – aus anderen Ländern stammen. Die wichtigsten Tourismusgebiete sind das Kleine Walsertal (rund 1,7 Mio. Nächtigungen im Jahr), das Montafon (ca. 1,5 Mio. Nächtigungen), der Arlberg (1 Mio. Nächtigungen, der Großteil davon im Winter) und Bregenz mit 180.000 Gästenächtigungen im Sommer.
Hochindustrialisiertes Alpenland
Zu der Zeit, als sich die ersten TouristInnen – damals vor allem zur "Sommerfrische" – in den Bergdörfern und am Bodensee einmieteten, war Vorarlberg längst ein hoch industrialisiertes Land: 1910 arbeiteten 46% der Beschäftigten in Industrie und Gewerbe, aber nur noch 36% hauptberuflich in der Landwirtschaft. Und die Industrieproduktion wurde vor allem von der Textilindustrie dominiert. Verantwortlich dafür waren der Wasserreichtum (zum Antrieb der Maschinen und Kraftwerke, aber auch zum Färben der Stoffe), die Nähe zur Schweiz (wo die großen Textilhändler lebten, woher aber auch viele der Unternehmer kamen, die in Vorarlberg Textilfabriken gründeten) und die lange Tradition der textilen Heimarbeit in den Bergtälern des Landes.
Die Textilindustrie verlor erst in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts ihre führende Rolle: Der Anteil der Textilbetriebe an der Industrieproduktion sank von 75% (1960) auf 24% (1995)! Etliche große Textilbetriebe, die meisten noch immer in Familienbesitz, mussten in den 90er-Jahren ihre Produktion einstellen. Die wenigen verbliebenen versuchen sich in jenen Nischen zu behaupten, in denen die Konkurrenz aus Fernost und Osteuropa noch gering vertreten ist – mit hochpreisigen Qualitätsprodukten wie "Wolford" und andere Strumpfhersteller, mit speziellen Garnen und Stoffen wie "Getzner" und "F.M. Hämmerle" oder mit ausgefallenen Stickereien wie die verbliebenen Stickereibetriebe in Lustenau. Dort betrieben einst viele Haushalte so genannte Lohnstickereien, in denen Auftragsprodukte hergestellt wurden.
Exportland Vorarlberg
Die großen Namen in der Vorarlberger Industrie stammen aber mittlerweile aus der Metall-, Elektro-, Verpackungs- oder Nahrungsmittelbranche: Die Beschlägefirmen "Blum", "Grass" und "Fulterer", "Zumtobel Leuchten", "Alpla"-Verpackungen, die Getränkeproduzenten "Rauch" und "Pfanner" oder die Käsehersteller "Alma" und "Rupp" sind zumindest European Player, manche wie "Liebherr" (Kräne), "Doppelmayr" (Lifte), "Blum" oder "Alpla" sogar Global Player mit Produktionsstätten und Tochterfirmen auf der ganzen Welt. Auf dem internationalen Markt behaupten können sich aber auch Firmen wie der Metallveredler "Collini", der Sportgeräteproduzent "Head" sowie Firmen aus dem Transportgewerbe ("Gebrüder Weiss"), dem Lebensmittelhandel ("Spar"), der Holzverarbeitung ("Kaufmann" in Reuthe) und zunehmend auch aus der Hi-Tech-Branche: Der Chipentwickler "New Logic" oder die Elektronikfirma "Omicron" sind Vorreiter einer innovativen Branche, die sich mit kreativen Lösungen in einem boomenden Markt behauptet.
Und dieser Markt ist durchwegs international: 2001 wurden aus Vorarlberg Waren im Wert von 4,7 Milliarden Euro ausgeführt, das entspricht der Hälfte aller erzeugten Waren. Die Exportquote ist damit wesentlich höher als im österreichischen Durchschnitt.
Exportiert wird sogar Strom: Die Wasserkraftwerke der "Vorarlberger Illwerke" im Montafon können dank der dortigen Speicherseen so genannten Regel- und Spitzenstrom produzieren, also Strom, der kurzfristig benötigt wird um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. Dieser Strom ist entsprechend teuer, weshalb die Illwerke nicht nur Arbeitsplätze im Montafon sichern, sondern auch dem Land Vorarlberg als Hauptaktionär bemerkenswerte Einnahmen bescheren.
Bildung für morgen
Im Gegensatz zur Textilindustrie, die viele angelernte Arbeitskräfte ohne Vorbildung beschäftigte, sind die heute dominierenden Industriebranchen auf FacharbeiterInnen angewiesen – und weil es davon in Vorarlberg zu wenig gibt, werden sie im Ausland angeworben, so weit es die Gesetze zulassen. Gleichzeitig wird aber auch versucht, das Bildungswesen den aktuellen bzw. zukünftigen Bedürfnissen anzupassen. Und so entstand in den letzten Jahren neben der traditionellen Textil-Fachschule in Dornbirn eine eigene Fachhochschule mit Studiengängen wie Betriebliches Prozess- und Projektmanagement, iTec (Information and Communication Engineering) und Intermedia. So ganz nebenbei entwickelt sich dadurch auch ein bisschen eine studentische Kultur, denn Vorarlberg besitzt keine eigene Universität.
Boomende Dienstleistungen
Der in den letzten Jahren mit Abstand am stärksten wachsende Sektor der Vorarlberger Wirtschaft ist allerdings der Dienstleistungsbereich, zu dem nicht nur Handel und Tourismus zählen, sondern auch Banken, Versicherungen, Verkehrsbetriebe sowie die Beschäftigten der öffentlichen Dienste. Und die wiederum umfassen auch das Gesundheitswesen, das sich – von den international anerkannten Vorsorgeprogrammen bis zur erstaunlich hohen Dichte an Krankenhäusern – auf einem äußerst hohen Niveau befindet.
Starke regionale Unterschiede
Wenn von den verschiedenen Wirtschaftssparten die Rede ist, sollte eines nicht vergessen werden: Die Wirtschaftsstruktur unterscheidet sich regional sehr stark. So ist die Industrie auch heute noch – wie schon vor 150 Jahren – primär im Rheintal und Walgau angesiedelt, während in den Seitentälern Landwirtschaft und Tourismus dominieren. Und weil diese beiden Branchen – ergänzt durch lokales Handwerk im Bregenzerwald bzw. durch die Energiewirtschaft im Montafon – nicht allen Menschen ein ausreichendes Einkommen bieten können, gehört das Pendeln in die Hauptregionen dort durchaus zum Alltag.
GrenzgängerInnen und AusländerInnen
Neben den Pendlern und Pendlerinnen zwischen den Talschaften gibt es auch solche, die jenseits der Staatsgrenze arbeiten: die so genannten "GrenzgängerInnen". Rund 16.000 Vorarlberger und Vorarlbergerinnen arbeiten in der grenznahen Schweiz, in Liechtenstein oder in Deutschland. Das entspricht etwa der Zahl der in Vorarlberg beschäftigten AusländerInnen. Der Anteil der ausländischen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sank übrigens zwischen 1992 und 2002 von 17,2 auf 11,7%, was nur zum Teil auf die Rückkehr in die Heimatländer oder gar auf den Verlust des Arbeitsplatzes zurückzuführen ist. Vielmehr entschlossen sich immer mehr Zuwanderer und Zuwanderinnen – vor allem aus der zweiten und dritten Generation – zum Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft.
Kleine und mittlere Familienbetriebe
Zwei Besonderheiten der Vorarlberger Wirtschaft sollen nicht unerwähnt bleiben: Vorarlberg ist ein Land der Klein- und Mittelbetriebe (90% der Betriebe beschäftigen weniger als 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen; nur 18 Großbetriebe haben mehr als 500 Beschäftigte) und ein Land der Familienbetriebe: Selbst in den großen Firmen halten die Familien der Firmengründer oft nicht nur die Mehrheit der Firmenanteile, sondern stellen auch das Management. Die Tendenz, international tätige Manager anzuwerben um ihnen die operative Firmenleitung zu übertragen, ist allerdings in den letzten Jahren unübersehbar.