Thematischer Hintergrund
Vorarlberg
ist seit Jahrzehnten ein Land mit Zuwanderung. Es verfügt heute nach
der Bundeshauptstadt Wien über den zweithöchsten Anteil ausländischer
Wohnbevölkerung (rund 13 %) in Österreich. Diese Situation resultiert
aus der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sowie politischen
Ereignissen in den letzten rund 150 Jahren: Vor allem die
Nachkriegsjahrzehnte mit ihrer starken Zuwanderung von Arbeitskräften
aus dem Ausland sind auch Jahre einer florierenden Wirtschaft, in denen
Vorarlberg zu einem wohlhabenden Land wurde.
Die Einrichtung
der Projektstelle spiegelt eine Dynamik, die weit über Vorarlberg
hinaus reicht. Deutschland stellte sich in den letzten Jahren zunehmend
sachlich seiner Realität als Einwanderungsland und entwickelte auf
breiter Basis und parteienübergreifend eine neue nationale
Zuwanderungs- und Integrationspolitik. In vielen Schweizer Kantonen
wurden in den letzen Jahren Stabstellen für Integrationsfragen auf
kantonaler Ebene eingerichtet. Die österreichischen Bundesländer
Oberösterreich und Tirol richteten auf der Ebene der Landesverwaltung
Stellen für die Förderung von Integrationsmaßnahmen ein, und der Wiener
Integrationsfonds feierte 2002 das Jubiläum seines 10-jährigen
Bestehens.
Migration und Integration wird derzeit auch auf
EU-Ebene große Bedeutung beigemessen. Mit dem Vertrag von Amsterdam
(1997) wurden die Themen zu expliziten Gemeinschaftsaufgaben. Die
Europäische Union arbeitet derzeit auf eine europäische
Migrationspolitik und ein für den gesamten EU-Raum geltendes
Integrationsregime hin, das auch für die Nationalstaaten bindend werden
wird.
Den Hintergrund dieser politischen Dynamik bilden
wirtschaftliche und demographische Entwicklungen in Europa. Zum einen
leben die entwickelten Industrienationen (auch in der Zukunft) von der
Mobilität von Arbeitskräften über nationalstaatliche Grenzen hinweg.
Darüber hinaus können diese Nationen – angesichts ihrer alternden
Gesellschaften - nicht auf die Entfaltung des Potentials ganzer
Bevölkerungsgruppen verzichten. Letzteres verleiht der Integration von
Zuwanderern und ihren Kindern in die Institutionen unserer
Gesellschaft, vor allem auch in die Bildungs- und Ausbildungsschienen,
gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Die Öffnung von Bildungswegen und
die Eröffnung beruflicher und damit gesellschaftlicher
Aufstiegsmöglichkeiten (Kernpunkte einer emanzipatorischen
Integrationspolitik) reduzieren zudem Symptomkosten, die z. B.
delinquentes Verhalten von Jugendlichen mit wenig Zukunftsperspektiven
verursachen können.
Sozialer Wandel – (und Zuwanderung ist
ein sehr fühl- und sichtbarer Ausdruck sozialen Wandels) – erzeugt nie
nur Hoffnungen, sondern ebenso Furcht und Ängste. Diese Ängste und
Irritationen können nicht weg geredet werden. Sie zu ignorieren, würde
das Gesamtprojekt der friedlichen Bewältigung sozialen Wandels
gefährden, denn Gefühlslagen wie Angst, Abwehr, Sympathie und
Antipathie bestimmen die Dynamik politischer Einstellungen entscheidend
mit. Ängste und Befürchtungen ernst zu nehmen, bedeutet jedoch nicht,
ihnen uneingeschränkt recht- oder nachzugeben. In einem anderen
Verständnis können sie eine wichtige Orientierungshilfe sein, die zu
den Stellen führt, an denen der Schuh konkret drückt.
Zuwanderung
ist eine von vielen Herausforderungen, der sich Gesellschaften stellen
müssen. Ihre friedliche Bewältigung verlangt allen Beteiligten etwas ab
(und ist, so sie gelingt, eine hohe zivilisatorische Leistung). Es
bedarf der Integrationsleistung der Menschen, die kommen, und der
Aufnahmebereitschaft der Menschen, in deren Gesellschaft sie
einwandern. Die Bewältigung dieser Herausforderung kann den Beteiligten
nicht abgenommen werden. Sie können dabei aber unterstützt werden;
dann, wenn die Herausforderung, die Zuwanderung und Integration
bedeuten, zu einer Aufgabe des Gemeinwesens wird, sich unsere
Institutionen darauf einlassen und vorbereiten. Das jedoch erfordert –
über die sozialen Eliten hinaus – eine breite Anerkennung der Tatsache,
dass die Menschen, die als "Gastarbeiter" kamen, und ihre Kinder
bleiben: dass wir – auch für die Zukunft - eine Gesellschaft mit
Zuwanderung sind.