Der alevitische Islam
Kurt Greussing, 2004.
Die alevitischen Moslems gehören –
religionsgeschichtlich gesehen - zur so genannten Schi´a innerhalb des
Islam. Die Schi´a ist eine Minderheit (circa 10 % des heutigen
Welt-Islam), die sich unmittelbar nach dem Tode des Propheten (632
n.C.) im Streit um die Führung der Gemeinde herausgebildet hat.
Der
Prophet Mohamed hatte keinen ihn überlebenden Sohn, der die Führung
übernehmen hätte können, sondern – als einziges leibliches Kind – die
Tochter Fatima. Sie war mit Ali, einem Vetter des Propheten,
verheiratet, und sie hatten zwei Söhne: Hasan und Huseyn. Ein Teil der
Moslems sah deshalb in Ali (und seinen männlichen Nachkommen) den
legitimen Führer der Gemeinde, während die Mehrheit der Ansicht war,
der Führer (Chalife) müsse lediglich aus dem Stamme Mohameds, den
Ummaya, kommen.
Über die Führungsfrage entspann sich ein
erbitterter Streit, den die Schi´a – das bedeutet die "Partei" (Alis) –
verlor. Ali selbst und seine Nachfolger fielen nach schi´itischer
Überzeugung Attentaten ihrer (ebenfalls moslemischen) Gegner zum Opfer
oder erlitten einen grausamen Tod auf dem Schlachtfeld.
Die
Aleviten haben innerhalb der Schi´a eine Sonderentwicklung genommen.
Sie teilen zwar die religiösen Grundannahmen des schi´itischen Islam,
also den Glauben an die legitime Führerschaft Alis und seiner elf
Nachfolger sowie an die Verborgenheit und die Wiederkunft des Imam
Mahdi, doch sie haben ganz andere religiöse Institutionen. Sie sind
eine priester- und moscheenlose Religion, und religiöses Wissen sowie
religiöse Praxis werden nicht durch Schriftgelehrte vermittelt, sondern
in überwiegend mündlicher Tradition durch sogenannte "Pirs" (wörtl.:
Alte, Weise) und "Dedes" (wörtl.: Großväter) verschiedener Ränge, die
aus "heiligen Familien" (ocak = wörtl. Herd) stammen.
Auch
ist es ein Wesenszug des Alevitentums, dass es sich als sehr
integrationsfähig erwiesen hat, indem es vorislamische (zum Teil so
genannte "naturreligiöse") ebenso wie christliche Elemente (über die
Griechen und Armenier des Osmanischen Reiches) aufgenommen hat. Weiters
erkennen die Aleviten den Koran, die christlichen Evangelien (injel),
die Thora (tevrat) und die Psalmen Davids (zebur) als gleichwertige
Offenbarungen an. Allerdings spielen diese Offenbarungsschriften –
ebenso wenig wie die daraus abgeleiteten Gesetze – in ihrer
Glaubenspraxis keine bestimmende Rolle, weil Glaubensinhalte ja
überwiegend mündlich überliefert wurden.
Aleviten glauben an
die prinzipielle Gleichwertigkeit der Menschen – von Männern wie
Frauen, von "Gläubigen" wie "Ungläubigen" – aufgrund der
"Gottesteilhabe" eines jeden. In neuester Zeit hat dieser Glaube unter
gebildeten Aleviten in der Türkei und in Europa eine Spielart der
Aleviya begründet, die sich als universaler Humanismus versteht.
Das
Alevitentum als volksreligiöse Richtung des Islam hat sich vor allem im
Osmanischen Reich entwickelt und verbreitet: von Albanien über
Anatolien bis in den Irak. Heute machen die Aleviten rund 20 % der
Bevölkerung der Türkei aus, wobei sie ethnische Türken ebenso umfassen
wie ethnische Kurden. Der Anteil der Aleviten an den in Vorarlberg
lebenden Zuwanderern aus der Türkei wird dementsprechend auch auf 20 %
geschätzt.
Der Text von Kurt Greussing (siehe Download)
beschreibt die Ursprünge der alevitischen Religion sowie deren
Grundsätze und Institutionen und geht auch auf die Muster der im
sunnitischen Islam weit verbreiteten anti-alevitischen Vorurteile ein.
Den Abschluss bilden neueste Entwicklungen des Alevitismus hin zu einer
Intellektuellen-Religion, sowie eine kommentierte Literaturliste zum
vertiefenden Nachlesen.
Im Downloadbereich steht auch folgender Artikel von Peter J. Bumke
zur Verfügung: Kızılbaş-Kurden in Dersim (Tunceli, Türkei).
Marginalität und Häresie, in: Anthropos. Internationale Zeitschrift für
Völker- und Sprachenkunde (Fribourg/Schweiz), Vol. 74 (1979), S.
530-548. (mit freundlicher Genehmigung des Anthropos-Instituts)