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Der Islam in Europa nach dem 11. September 2001

Eva Grabherr, 2003, überarbeitet 12/2006

Der islamistische Terroranschlag auf das World Trade Center in New York vom 11. September 2001 hat auch in den europäischen Staaten zu anti-islamischen Reaktionen und Aktionen sowie zu islam-kritischen Debatten geführt. Zugleich wuchs die Sensibilität für die Gefahr anti-islamischer Stimmungen für Gesellschaften mit einem nicht unbeträchtlichen Anteil muslimischer Bevölkerungsgruppen, wie sie in den letzten Jahrzehnten durch Einwanderung in die europäischen Staaten entstanden sind.

Eine Folge dieser erhöhten Sensibilät ist auch ein wachsendes Informationsbedürfnis bezüglich Islam und Muslime in Europa, ein wachsendes Bedürfnis nach Dialog sowie Aktivitäten zur Regelung des Verhältnis zwischen Islam und Staat in den einzelnen europäischen Ländern.

Deutschland

Ein markantes Beispiel für letzteres ist der Beschluß einer Islamischen Charta durch den Zentralrat der Muslime in Deutschland vom 20. Februar 2002. Die Mehrheitsgesellschaft habe ein Anrecht darauf zu erfahren, so die Charta, wie die Muslime zu den Fundamenten des Rechtsstaates, zu seinem Grundgesetz, zu Demokratie, Pluralismus und Menschrechten stehe. Deutschland kennt nicht die Institution des staatlich anerkannten Repräsentanten des Islam, wie das in Österreich der Fall ist. Diese Charta ist daher nicht bindend für "den" Islam in Deutschland, der in dieser Form nicht existiert. Sie wird jedoch von einer relevanten Gruppe islamischer Gemeinschaften getragen und wurde daher mit Aufmerksamkeit wahrgenommen und diskutiert. Weiters wachsen in Deutschland spürbar die Bemühungen von islamischer Seite, eine einheitliche Vertretung der Muslime auf Bundesebene zu schaffen. (Zahlreiche Artikel dazu finden sich in der "Islamischen Zeitung": www.islamische-zeitung.de)

Ein zentrales Ereignis des Jahres 2006 war die Einberufung der Deutschen Islamkonferenz durch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble im September 2006. Die Konferenz umfasst 30 TeilnehmerInnen: 15 VertreterInnen des deutschen Staates und 15 VertreterInnen der Muslime Deutschlands (VertreterInnen von Organisationen wie Einzelpersönlichkeiten aus Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Kultur). Sie wird zu 3 Fragestellungen weiter arbeiten: 1. "Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens", 2. "Religionsfragen im deutschen Verfassungsverständnis" und 3. "Wirtschaft und Medien als Brücke". In dem beigeordneten Gesprächskreis "Sicherheit und Islamismus" werden zusätzlich Fragen der inneren Sicherheit, islamistischer Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung sowie der Prävention islamistischer Gewalttaten erörtert. Die Deutsche Islamkonferenz zielt unter anderem auf eine einvernehmliche Regelung der Fragen des täglichen Zusammenlebens. Als Ergebnis des Gesprächsprozesses wird eine Übereinkunft zwischen der deutschen Aufnahmegesellschaft und der muslimischen Bevölkerung Deutschlands angestrebt, in der sich beide Seiten zur Einhaltung gesellschafts- und religionspolitischer Grundsätze verpflichten.

Zentralrat der Muslime in Deutschland/Islamische Charta:
islam.de/index.php?site=sonstiges/events/charta

Friedrich Ebert Stiftung/Kommentar zur Islamischen Charta:
www.fes-online-akademie.de/index.php?&scr=txt&tmode=detail&t_id=40

Bundesinnenministerium Deutschland:
www.bmi.bund.de/

Frankreich

In Frankreich wurde 2003 erstmals in seiner Geschichte eine einheitliche Vertretung des Islam des Landes eingerichtet. 1/3 der Mandate des Französischen muslimischen Rates, darunter die leitenden Instanzen, wurden durch die französischen Behörden bestimmt; 2/3 von Delegierten der Moscheen und Gebetsstätten gewählt. Ab 2005 sollen alle Sitze über Wahlen vergeben werden. Der Rat soll alle muslimischen Strömungen Frankreichs repräsentieren und (wie der Repräsentativrat der Juden und die entsprechenden Institutionen auf christlicher Seite) Dialogpartner der Regierung sein. Der Französische muslimische Rat ist in dieser Funktion der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich vergleichbar.

Österreich

Auch die Schlusserklärung des ersten österreich-weiten Treffens von Imamen am 24. April 2005 in Wien enthält eine klare Verurteilung extremistischer und terroristischer Taten. An diesem Treffen auf Einladung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) nahmen 160 Imame (darunter 25 Frauen) teil. Die IGGiÖ ist der staatliche Repräsentant des Islam in Österreich.

Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich
www.derislam.at

Monitoring durch das EUMC in Wien

Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (= EUMC, mit Sitz in Wien) initiierte rasch nach dem 11. September ein EU-weites Beboachtungsprojekt für anti-islamische Reaktionen in den Monaten nach dem Anschlag. Die einzelnen Länderreporte (auch der über Österreich) können von der homepage des EUMC bezogen werden.

Im Dezember 2006 veröffentlichte das EUMC den Bericht "Muslims in the European Union. Discrimination and Islamophobia". Anders als der Titel erwarten lässt fokussiert der Bericht nicht nur auf Diskriminierung und Islamophobie, sondern informiert auch über soziale Kontexte muslimischen Lebens in den Ländern der Europäischen Union. In einem ausführlichen Kapitel geht er auf die Anzahl der Muslime in den einzelnen Ländern der EU, deren demographische Struktur, die Bildungs- und Arbeitsmarktindikatoren der Gruppe sowie auf ihre Organisationsformen ein. Weiters geht er auch auf spezifische Integrationsmaßnahmen, diese Gruppe betreffend, in den einzelnen Mitgliedsländern ein.

Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC):
www.eumc.eu.int

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Sas, 03.03.2010