Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich
Durch die Zuwanderung vor allem türkischer Gastarbeiter muslimischen
Glaubens ab den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das Thema
Islam in Österreich wieder aktuell. 1971 richteten Muslime ein Gesuch
um Gründung einer islamischen Kultusgemeinde an das Bundesministerium
für Unterricht und Kunst. Dieses Gesuch wurde vom damaligen
Bundeskanzler, Bruno Kreisky, und vom seinerzeitigen Wiener Kardinal,
Franz König, gefördert.
Mit einem Bescheid des
Unterrichtsministeriums vom 2. Mai 1979 wurde die Errichtung der ersten
Wiener Islamischen Religionsgemeinde und die Verfassung der Islamischen
Glaubensgemeinschaft in Österreich aufgrund des Anerkennungsgesetzes
vom 20. Mai 1874 und des Islamgesetzes vom 15. Juli 1912 genehmigt.
Alle Anhänger des Islam in Österreich sind nunmehr der staatlich
anerkannten Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ)
zugehörig. In der Verfassung der IGGiÖ wurde nicht auf die
Unterscheidung der verschiedenen islamischen Rechtsschulen bzw.
Gruppierungen eingegangen; sie bezieht alle Muslime in Österreich mit
ein. Die IGGiÖ ist der offizielle Gesprächspartner der Republik
Österreich. So ist sie unter anderem auch für die Aus- und
Weiterbildung der Religionslehrer sowie deren Anstellung an den
öffentlichen Schulen zuständig. Bei der IGGiÖ ist auch der
österreichische Schura-Rat angesiedelt; er ist für die religiöse
Rechtssprechung der Muslime (das Erlassen der Fatwas, türk. fetvas)
zuständig. Viele MigrantInnen in Österreich fühlen sich jedoch dem
Schura-Rat ihres Herkunftslandes verpflichtet und lassen sich ihre
religionsrechtlichen Fragen von den dortigen islamischen
Rechtsgelehrten beantworten.
Zur islamischen
Glaubensgemeinschaft bekennen sich in Österreich laut der jüngsten
Volkszählung des Jahres 2001 4,2 Prozent der Bevölkerung. Der Islam ist
damit nach der Römisch-Katholischen Kirche (73,6%) und den
evangelischen Christen (4,7%) die drittgrößte Religionsgemeinschaft
Österreichs. Vorarlberg zählt 9% BewohnerInnen muslimischen Glaubens.
Der Islam bildet damit die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes
nach der römisch-katholischen Kirche.
Die IGGiÖ hat in
Österreich vier Religionsgemeinden. Der Sprengel der Islamischen
Religionsgemeinde Bregenz umfasst die Bundesländer Vorarlberg und
Tirol. Präsident der islamischen Religionsgemeinde Bregenz ist Herr
Abdi Tasdögen. In den Bundesländern unterhält die IGGiÖ keine eigenen
Gebetsstätten.
Erst langsam wächst die Anerkennung der IGGiÖ
bei den in Vorarlberg lebenden Muslimen, die weit überwiegend aus der
Türkei stammen. Aus der Sicht vieler Vorarlberger Muslime nahm die
Leitung der IGGiÖ bisher zu wenig Rücksicht auf die Situation der
türkisch-stämmigen, aus der Arbeiterschicht kommenden Muslime. Auch
fanden sich auf Leitungsebene der IGGiÖ kaum Muslime dieser nationalen
Herkunft. Umgekehrt nahm die Leitung der IGGiÖ (in ihr dominierten die
arabisch-stämmigen Muslime) für sich in Anspruch, alle Muslime
Österreichs zu vertreten, da sie sich für die Novellierung des
Islamgesetzes eingesetzt hatten und sich in Glaubensfragen als besser
bewandert erachteten.
Elisabeth Dörler, 2003.