Vorarlberg, ein Einwanderungsland
Markus Barnay, 2003.
Es gibt sie wirklich, die "echten"
Vorarlberger und Vorarlbergerinnen, deren Urgroßeltern hierzulande
aufgewachsen und die seit Generationen hier "verwurzelt" sind. Aber zu
finden sind sie schwer, denn die Mehrheit der Bevölkerung hat zumindest
einen Teil ihrer Wurzeln anderswo. Das hängt in erster Linie mit der
Industrialisierung des Landes zusammen. Denn in den Jahrhunderten,
bevor Vorarlberg zum Einwanderungsland wurde, war es genau das
Gegenteil: ein klassisches Auswanderungsland, das viele seiner Bewohner
und Bewohnerinnen nicht ernähren konnte.
Der Mangel an
natürlichen Ressourcen, der beengte Lebensraum (Täler und Berge waren
nur zum Teil besiedelt; das Rheintal wurde regelmäßig vom Hochwasser
des Rheins überflutet) und die traditionellen Erbregeln (Realteilung,
also die Aufteilung des Besitzes unter allen Kindern) zwangen in
früheren Jahrhunderten viele Menschen zur vorübergehenden oder
dauerhaften Auswanderung. Einige dieser "Saisonarbeiter" wurden
europaweit bekannt: Die Bregenzerwälder Barockbaumeister und
-handwerker errichteten berühmte Klöster und Kirchen zwischen dem
Bodensee und dem Elsaß. Die Montafoner Krauthobler boten ihre Dienste
in großen Teilen Europas an. Und selbst Kinder und Jugendliche
verdingten sich als saisonale Arbeitskräfte bei reicheren Bauern im
benachbarten Schwaben. Diese so genannten "Schwabenkinder" gab es bis
in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Industrie
längst das Wirtschaftsleben in Vorarlberg dominierte.
Neben
den saisonalen Wanderungen gab es aber auch richtige
Auswanderungswellen, etwa in den Jahren nach der gescheiterten
Revolution von 1848, aber auch noch nach dem Ersten Weltkrieg zwischen
1920 und 1930. Ziele waren die USA und Teile Südamerikas, wo sich zum
Teil richtige Kolonien ehemaliger Vorarlberger und Vorarlbergerinnen
bildeten.
Ein Völkergemisch mit alemannischer Zunge
Aber
auch Einwanderungen haben im Gebiet des heutigen Vorarlberg Tradition.
So weit zurück man die Vorgeschichte des Landes auch erkundet – man
stößt stets auf neue Gruppen, die Teile des Landes in kriegerischer
oder auch friedlicher Absicht besiedelten: Kelten, Römer, Alemannen,
Franken, Walser – sie alle haben ihre Spuren hinterlassen. Die Römer
errichteten die ersten Fernstraßen und gründeten Siedlungen, aus denen
sich unter anderem die heutige Landeshauptstadt Bregenz (das ehemalige
Brigantium) entwickelte. Die Alemannen brachten eine Sprache ins Land,
die bis heute in der Mundart weiterlebt. Irische Mönche (Kolumban und
Gallus, der Gründer der Schweizer Stadt St. Gallen) brachten die
christliche Religion ins Land.
Dass die Bevölkerung
Vorarlbergs auch sonst vielen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt war,
liegt an der politischen Entwicklung: Das heutige Vorarlberg entstand
durch den Zusammenschluss ganz unterschiedlicher Herrschaften, die von
den Habsburgern zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert erworben
wurden. Als Letzte stießen 1830 die Grafschaft Hohenems und der
Reichshof Lustenau dazu. Seither gelten die "Herrschaften vor dem
Arlberg" als geschlossenes Gebiet. Zu einem eigenen Bundesland des neu
entstandenen Bundesstaates Österreich wurde Vorarlberg jedoch erst
1918.
Industrialisierung = Zuwanderung
Für
viele kleine Bauern und Bäuerinnen gewann ab dem 18. Jahrhundert neben
der vorübergehenden Auswanderung eine andere Tätigkeit an Bedeutung:
die Heimarbeit für Textilhändler, die vor allem in der benachbarten
Schweiz ansässig waren. Aus der häuslichen Baumwollverarbeitung
entwickelte sich eine Textilindustrie, die zunächst auf Manufakturen
und ab dem 19. Jahrhundert auf richtigen Textilfabriken basierte. Ab
etwa 1870 wurden dann größere Gruppen von ArbeitszuwanderInnen aus
anderen Regionen angeworben: italienischsprachige Textilarbeiterinnen
aus dem (damals österreichischen) Trentino und Bauarbeiter, die beim
Bau der Arlbergbahn (1880–1884), der Bregenzerwaldbahn (1900–1902) oder
der ersten großen Wasserkraftwerke (z.B. Andelsbuch 1906–1908)
beschäftigt waren. In Bludenz, Bürs, Hard oder Kennelbach, den
Standorten großer Textilfabriken, lag der Anteil der
italienischsprachigen Bevölkerung um 1900 bereits bei 20 bis 40
Prozent. Und obwohl ein Teil dieser Zuwanderer und Zuwanderinnen nach
dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) in ihre – nunmehr zu Italien gehörende
– Heimat zurückkehrte, wurden viele Carraros, Libardis oder Girardellis
für immer hierzulande heimisch.
Freiwillige und unfreiwillige MigrantInnen
Neben
den fremdsprachigen ließen sich ab etwa 1880 aber auch viele
deutschsprachige Zuwanderer und Zuwandererinnen aus anderen Kronländern
der österreichisch-ungarischen Monarchie in Vorarlberg nieder. Sie
arbeiteten vor allem als Handwerker, Beamte sowie Post- und
Bahnbedienstete. Nach 1918 waren es Bauarbeiter aus anderen
österreichischen Bundesländern, die auf den Kraftwerksbaustellen der
ÖBB (Spullersee) und der Vorarlberger Illwerke (Silvretta) arbeiteten.
Auch von ihnen blieben viele in Vorarlberg.
Geblieben sind
auch die meisten der so genannten "Optanten" aus Südtirol, die sich
aufgrund des Hitler-Mussolini-Abkommens von 1939 entscheiden mussten,
ob sie unter den Bedingungen des italienischen Faschismus in Südtirol
bleiben oder in das NS-regierte Deutsche Reich auswandern wollten. Im
Rahmen der so genannten "Option" wanderten 75.000 EinwohnerInnen aus
Südtirol aus. 11.000 von ihnen wurden in eilends errichteten
Wohnsiedlungen in Vorarlberg untergebracht.
Gänzlich
unfreiwillig kamen jene rund 10.000 FremdarbeiterInnen und
Kriegsgefangenen ins Land, die während des Zweiten Weltkrieges
(1939–1945) unter teilweise unmenschlichen Bedingungen auf hoch
gelegenen Baustellen (z.B. bei den Kraftwerksbauten in der Silvretta),
in der Landwirtschaft oder in der Textil- und Rüstungsindustrie
arbeiten mussten. Sie kehrten nach der Befreiung Österreichs vom
Nationalsozialismus zum Großteil in ihre Herkunftsländer (Frankreich,
Polen, Russland) zurück.
Zuzug aus dem Süden
Vorarlbergs
Wirtschaft überstand den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschädigt und
profitierte nach 1945 von den Früchten der Zwangsarbeit: Die Industrie
konnte fast bruchlos weiterarbeiten, die großen Kraftwerke lieferten
Strom und damit auch (Export-)Einnahmen. Entsprechend dringend wurden
neue Arbeitskräfte gesucht, entsprechend attraktiv war das Land für
Bewohner und Bewohnerinnen weniger privilegierter Regionen Österreichs:
In den 50er- und 60er-Jahren ließen sich viele Zuwanderer und
Zuwanderinnen aus Kärnten und der Steiermark hierzulande nieder. Sie
fanden im Baugewerbe, in der Textilindustrie und im Gastgewerbe Arbeit.
Und schließlich wurde auch im damaligen Jugoslawien und in der
Türkei aktiv um Zuwanderer und Zuwanderinnen geworben. Denn die
boomende Textil- und Metallindustrie benötigte vor allem ungelernte –
und daher billige – Arbeitskräfte. Diese so genannten "Gastarbeiter"
stellten im Spitzenjahr 1973 immerhin 22 % aller unselbstständig
Beschäftigten. Mit dem Niedergang der Textilindustrie sank jedoch auch
der Bedarf nach ihrer Arbeitskraft. Manche kehrten deshalb in ihre
Herkunftsländer zurück, aber viele konnten und wollten nach 20 und mehr
Jahren nicht mehr zurück, zumal ihre Kinder in der neuen Heimat
aufgewachsen waren.
Andere ZuwanderInnen kamen nicht in
großen Gruppen, sondern einzeln ins Land. Und natürlich wirkten sich
auch die weltpolitischen Ereignisse in Vorarlberg aus: Zwischen 1956
und 1996 siedelten sich hier unter anderem Flüchtlinge aus Ungarn,
Vietnam, Bosnien und dem Kosovo an. Aktuell beträgt der Ausländeranteil
in Vorarlberg rund 13 %. Viele aus dem Ausland Zugewanderte (5,5 %)
haben auch schon den österreichischen Pass.