... lange Zeit in Österreich. 40 Jahre Arbeitsmigration – Dokumentation der historischen Ausstellung

Ein Ausstellungsprojekt von okay. zusammenleben/Projektstelle für
Zuwanderung und Integration (Verein Aktion Mitarbeit) und Jüdisches
Museum Hohenems aus Anlass des 1964 unterzeichneten Anwerbeabkommens
für Arbeitskräfte zwischen der Türkei und Österreich
6. Juni – 3. Oktober 2004
Jüdisches Museum Hohenems
Konzept: Eva Grabherr, Johannes Inama, Hanno Loewy, Bruno Winkler
Gestaltung: Stecher id
Das
Projekt wurde angeregt von der Ausstellung "Gastarbajteri. 40 Jahre
Arbeitsmigration" der Initiative Minderheiten und des Wien Museum.
(Virtuelle Ausstellung: www.gastarbajteri.at )
Wir danken
Kasim
Aksu, Erich Brüstle, Elizabet Hintner-Çalıskan, August Fleisch, Ali
Gedik, Arno Gisinger, Kurt Greussing, Michael Guggenheimer, Bertram
Jäger, Johannes Lusser, Paul Nikolic, Kundeyt Surdum, Nikolaus Walter,
Rudolf Zündel und Yilmaz Yerit für die Bereitschaft zur Mitwirkung.
Mit freundlicher Unterstützung von:
Vorarlberger
Landesregierung, Stadt Hohenems, Wirtschaftskammer Vorarlberg/Die
Industrie und Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie
Die
Ausstellung präsentierte die Migrationsgeschichte Vorarlbergs der
letzten Jahrzehnte zunächst in den Arbeiten von Vorarlberger und einem
Schweizer Fotografen: Arno Gisinger in Zusammenarbeit mit August
Fleisch, Michael Guggenheimer, Nikolaus Walter und Rudolf Zündel. In
der Dauerausstellung des Museums wurden die Dokumente zur jüdischen
Geschichte des Ortes etwas zur Seite geräumt. Sie machten Dokumenten
und Fotografien aus den vier Privatarchiven von Yilmaz Yerit, Elizabet
Hintner-Çalıskan, Erich Brüstle und Ali Gedik Platz, die Vorarlberger
Migrationsgeschichte aus ihrer jeweils spezifischen biografischen
Perspektive vermittelten. Darüber hinaus wurde die Dauerausstellung zur
Geschichte der Hohenemser Juden mit Schlüsselobjekten der jüngsten
Migrationsgeschichte kommentiert und damit ein spannender inhaltlicher
Bogen zwischen der Vergangenheit und jüngsten Gegenwart des Landes
geschlagen.
Bilder
Vorarlberg war durch die starke
Industrialisierung über Jahrzehnte eine bedeutende Zielregion der
Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem In- und Ausland. Bis heute
verzeichnet das Land mit rund 13% den zweithöchsten Ausländeranteil
nach Wien. Wenn wir zur ausländischen Wohnbevölkerung die Menschen dazu
zählen, die im Ausland geboren sind, aber mittlerweile die
österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, kommen wir auf einen
Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund von rund 19%.
Die
Ausstellung präsentierte Vorarlberger Migrationsgeschichte der letzten
Jahrzehnte in den Fotografien von Vorarlberger und einem Schweizer
Fotografen. Gezeigt wurden Motive aus dem Archiv von Nikolaus Walter.
Dessen Fotografien haben das Bild der ersten Generation der
Arbeitsmigration in Vorarlberg wohl am stärksten geprägt. Auf
literarischer Ebene leistete im selben Themenspektrum Kundeyt Surdum –
teils mit Nikolaus Walter gemeinsam – wertvolle Sensibilisierung und
Bewusstseinsbildung. Die Fotografien im Untergeschoss desw Museums
wurden deshalb durch literarische Texte von Kundeyt Surdum ergänzt.
Rudolf Zündels Arbeit "Als Tschusch unter Gastarbeitern"
von 1977 vermittelt eine Busreise von "Gastarbeitern" von Dornbirn nach
Istanbul. Er berührt mit dieser Arbeit eine Kindheitserinnerung wohl
vieler Menschen in Vorarlberg: Sommerferien waren dann, wenn vor den
Toren und auf den Parkplätzen der großen Vorarlberger Fabriken
Menschentrauben mit großen Taschen, Schachteln und Bündeln zahlreiche
bereit stehende Busse bestiegen, die sie für einen langen Urlaub in
ihre Heimatländer bringen sollten.
Die frühe fotografische Arbeit von Arno Gisinger "Zwischen den Stühlen" basiert auf der langjährigen Beschäftigung des Pädagogen August Fleisch
mit Fragen der Integration. Seine Interviews mit Migranten und
Migrantinnen flankierten die Portraits in der Ausstellung von 1990. Wir
zeigen das "Rohmaterial" der damaligen Ausstellung, die Portraits und
Interviews, erweitert durch aktuelle Gespräche mit Protagonisten von
damals.
Der Schweizer Journalist und Fotograf Michael Guggenheimer
schrieb Ende der 70er Jahre eine Reportage über das vergangene jüdische
Hohenems. Er fotografierte die Häuser des ehemaligen jüdischen Viertels
und machte dabei auch – quasi als ein Nebenprodukt seines damaligen
Interesses – Bilder vom neuen türkischen Leben in diesem abgewohnten
Stadtteil. Seine damalige fotografische Arbeit wurde in eine aktuelle
Reportage über die heutige Situation an diesem Ort eingebettet.
Einblicke
Herkunftsländer,
aus denen in den letzten Jahrzehnten die meisten Menschen nach
Vorarlberg kamen, sind die Türkei und Länder des ehemaligen
Jugoslawien. Sowohl jene Menschen, die kamen, als auch die
österreichische Gesellschaft dachten ursprünglich an einen Aufenthalt
auf Zeit. Heute investieren Nachkommen der damals Zugewanderten –
mittlerweile vielfach österreichische StaatsbürgerInnen – in Wohnungen
und Häuser in Vorarlberg, und viele der erste Generation bereiten sich
darauf vor, hier bei ihren Enkelkindern den Lebensabend zu verbringen.
Von diesem Haltungswechsel von einem "Aufenthalt auf Zeit" zu einem
"Aufenthalt auf Dauer" zeugt auch der aktuelle Zusammenschluss der
islamischen Gemeinschaften des Landes zu einer Initiativgruppe für die
Errichtung einer islamischen Begräbnisstätte in Vorarlberg.
Integriert
in die permanente Ausstellung des Hauses zur jüdischen Geschichte
fanden sich Dokumente aus vier Privatarchiven zur Vorarlberger
Migrationsgeschichte. Sie vermittelten Einblicke in diese Geschichte
aus vier jeweils spezifischen biographischen Perspektiven.
Yilmaz Yerit
kam 1964 als Maschinenschlosser 25-jährig von Istanbul nach Vorarlberg
und arbeitete zunächst in der Fabrik. Sein Bildungshintergrund
ermöglichte ihm, auf vielfache Weise für seine Landsleute hier in
Vorarlberg tätig zu sein: Als "Gastarbeiterreferent" in verschiedenen
Institutionen, als Vereinsfunktionär, als Schreibender und Herausgeber
von Zeitschriften und als Sprecher für die Probleme und Rechte der
Migranten und Migrantinnen im Land. Yilmaz Yerit lebt seit April 2004
bei seinen Kindern in Wien und schreibt derzeit auf Basis des Archivs,
das er für die Ausstellung zur Verfügung stellte, an seiner
Lebensgeschichte.
Erich Brüstle war Personalleiter
einer großen Vorarlberger Textilfirma, hat die wichtigen Jahrzehnte der
Arbeitsmigration nach Vorarlberg miterlebt und in seiner beruflichen
Funktion vielfach mit gestaltet. Seine umfassende und penibel
zusammengestellte Chronik dieser Jahre bildet eine bedeutende
historische Quelle zu diesem Teil der Vorarlberger Landesgeschichte aus
der Perspektive eines Personalverantwortlichen in einem großen
Industriebetrieb. Leitsatz seiner Tätigkeit waren die später viel
zitierten Worte von Max Frisch von 1965: "Man hat Arbeitskräfte
gerufen, und es kommen Menschen." Sein handschriftlicher Vermerk dieses
Zitats findet sich auf einem Protokoll aus den 70er Jahren.
Elizabet Hintner-Çalıskan
stammt aus einer türkischen Familie armenischer Herkunft und kam 1973
mit ihren Eltern und ihren Geschwistern von Istanbul nach Vorarlberg.
Heute arbeitet sie als zweisprachige Jugendarbeiterin und als
Übersetzerin mit einem reichen Fundus an interkultureller Erfahrung in
Dornbirn. Ihr Archiv ist das materielle Vermächtnis des nach der
Pensionierung in die Türkei zurückgekehrten Vaters für seine in
Vorarlberg gebliebene Tochter.
Ali Gediks
umfangreiches Medien- und Dokumentenarchiv seiner Vorarlberger Jahre
wurde im Frühjahr 2004 im Rahmen der Ausstellung "Gastarbajteri. 40
Jahre Arbeitsmigration" in der Zentralbibliothek der Stadt Wien
ausgestellt. Ali Gedik kam 1976 als Jugendlicher aus der Türkei nach
Vorarlberg. Seit 1993 lebt und arbeitet er in Wien. Zusammengeführt in
drei großen Ordnern zeigen die mehr als 500 Dokumente aus den Jahren
1984 bis 1993 die Vielfalt an Themen, die ihn als einen politisch
wachen und engagierten Migranten kurdischer Herkunft in Österreich
beschäftigt und bewegt haben.
Darüber hinaus wurde die
Dauerausstellung zur Geschichte der Hohenemser Juden an verschiedenen
Stellen mit Schlüsselobjekten der jüngsten Migrationsgeschichte
kommentiert und damit einen inhaltlichen Bogen zwischen der
Vergangenheit und Gegenwart des Landes geschlagen.