2008-2009: Vortragsreihe "mehr sprachig. Wegweiser zur Kommunikation im 21. Jahrhundert"

Vortragsreihe 2008 und 2009


Die Vortragsreihe "mehrsprachig. Wegweiser zur Kommunikation im 21. Jahrhundert" begleitete das Programm "mehr sprache." und initiierte einen öffentlichen Diskurs- und Verständigungsrahmen für die aktuellen sprachpolitischen Entwicklungen und Debatten.

In einer Reihe von sieben Vorträgen setzten Wissenschaftler/innen, Wirtschaftstreibende und Sprach-Künstler/innen Wegweiser für die Gestaltung und Orientierung in einer zeitgemäßen Sprach- und Bildungspolitik. Und sie ermöglichte Zugänge zu einem öffentlichen Diskurs, der die Chancen und Risiken von Mehrsprachigkeit in unseren global vernetzten Gesellschaften thematisiert.

Mehrere der Vorträge können auf der Website von Radio Proton nachgehört werden: www.radioproton.at/index.php/mehrsprachig.html


Die Veranstaltungen 2008-2009 im Überblick
siehe dazu auch die ausführliche Broschüre im Downloadbereich –>

Treffpunkt Babylon
Chancen, Risiken und Grenzen der Mehrsprachigkeit
Univ. Prof. Dr. Hans-Jürgen Krumm
Termin: Donnerstag, 23. Oktober 2008
Ort: Salomon Sulzer Saal, Hohenems

Babylon ist der biblische Ort der Sprachverwirrung und es war die Hauptstadt einer vielsprachigen Hochkultur. Beides sind Möglichkeiten der Mehrsprachigkeit: Unverständnis und Kommunikation. Es kommt darauf an, was Menschen daraus machen: durch Sprachenpolitik, durch systematische Sprachentwicklung, durch das Nutzen von Mehrsprachigkeit als fast unerschöpflicher kultureller und wirtschaftlicher Ressource.

Das sind die Themen des Referates an diesem Abend. Was sind mögliche Konsequenzen der Mehrsprachigkeit, die für unsere Gesellschaften prägend geworden ist? Welche Zukunft soll eine europäische, aber auch eine österreichische Sprachenpolitik gestalten? Was können wir vor Ort durch unsere Bildungs- und Kulturpolitik zu dieser Gestaltung beitragen? Und schließlich stellt sich die Frage, wie die unterschiedlichen Mehrsprachigkeiten von Individuen, aber auch von ganzen sozialen Schichten in unserer Gesellschaft das "Deutsche" formen werden.

Denn eines ist ziemlich sicher: Wenn uns die europäische Sprachenvielfalt wichtig ist und wir wollen, dass Deutsch auch in hundert Jahren noch eine lebendige und lernenswerte Sprache ist, dann muss in diese Sprachenvielfalt heute investiert werden.

Zum Referenten:
Dr. Hans-Jürgen Krumm ist Universitätsprofessor für Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien. In seinen Forschungsarbeiten und Publikationen beschäftigt er sich unter anderem mit sprachwissenschaftlichen Grundlagen des Deutschen als Fremdsprache sowie mit Fragen der Mehrsprachigkeit, der interkulturellen Kommunikation und des interkulturellen Lernens.
(Internet: public.univie.ac.at/index.php?id=14313, E-Mail: hans-juergen.krumm@univie.ac.at)


Fremde Sprache Dialekt?
Die wechselvolle Beziehung von Hoch- und Alltagssprachen
Univ. Prof. Dr. Beat Siebenhaar
Termin: Donnerstag, 4. Dezember 2008
Ort. Pförtnerhaus, Feldkirch

Die Mehrzahl der Vorarlbergerinnen und Vorarlberger lebt in einer produktiven Spannung – zwischen Vorarlberger Dialekt und Hochdeutsch. Dieser Vorarlberger Dialekt muss nicht alemannisch sein: Es gibt eine Vielfalt von deutschen Dialekten in Vorarlberg – von Kärntnerisch über Steirisch und Tirolerisch bis zum Türkisch- oder Serbisch-Alemannischen von Angehörigen der zweiten und dritten Generation der "Gastarbeiter".

Die Spannungen zwischen Umgangs- und Hochsprache sind deshalb ebenso vielfältig wie die Umgangssprachen selbst und wie die Wandlungen, denen auch die Hochsprache unterworfen ist. Dieser Vielfalt ist die Veranstaltung auf der Spur. Was lässt sich nur im Dialekt ausdrücken und wo sind wir auf die Hochsprache angewiesen? Wie wirken sich Dialekt und "Hochsprache" auf den Erwerb einer weiteren Sprache aus? Soll "Mundart" gefördert werden? Wie verändern sich Dialekte durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen? Welche Rolle spielen die verschiedenen Zuwandererströme? Gibt es so etwas wie dauerhafte sprachliche Identität und kann oder soll sie politisch gestaltet werden? Und schließlich: Was schafft Identität – eine möglichst klar abgrenzbare Sprache oder das gemeinsame Gespräch über Dialekt- und Sprachgrenzen hinweg?

Zum Referenten:
Dr. Beat Siebenhaar ist derzeit am Institut für Germanistik an der Universität Leipzig tätig. Sein Forschungsschwerpunkt sind die schweizerdeutschen Dialekte. Er beschäftigt sich u.a. mit der "Sprachfärbung" und schweizerdeutschen Internet-Chats, die bis zu 90% Mundartanteil aufweisen und einen Einblick in die Verschriftung der Schweizer Dialekte bieten.


Sprachwelten der Wissensgesellschaft
Denken und Sprechen in der globalisierten Welt
Univ. Prof. Dr. Konrad Ehlich
Termin: Februar 2009
Ort: Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz

"Utlub al-ilm, wa lau fi as-Sin": Das ist Arabisch und heißt, dem Wissen (`ilm) zuliebe solle man bis nach China gehen. Es ist ein Spruch, der dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird und der folglich aus dem 7. Jahrhundert stammen würde. Um das Wissen in China – also an den Grenzen der damals bekannten Welt – zu finden, empfiehlt es sich freilich, Chinesisch zu können.

Einsprachigkeit oder Mehrsprachigkeit – das war seit den alten Griechen in Europa stets ein Streit. Einsprachigkeit stand und steht für die erwünschte und auch immer wieder notwendige Vereinheitlichung großer Räume – politisch, kulturell und ökonomisch –, Mehrsprachigkeit gilt als Ressource für kulturellen Austausch, produktive Spannung und denkerische Flexibilität, freilich auch für ethnische Konflikte und den Kampf um Anerkennung und Dominanz.

Wir wissen nie, was wir morgen wissen sollten oder wissen müssten. Das Einzige, was uns hilft, eine unsichere Zukunft zu bewältigen, ist die Bildung vielfältiger Ressourcen. Und dazu gehören in besonderem Maße Sprachen – und zwar nicht nur die heute führenden. Mehrsprachigkeit, in welchen Sprachen auch immer, schafft Zugang zum Weltwissen. Heute, im Zeitalter des Internets, muss man dazu nicht mehr unbedingt bis nach China gehen.

Zum Referenten:
Als Linguist liegen die Hauptarbeitsgebiete von Dr. Konrad Ehlich in den Bereichen Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft, Wissenschaftssprache, Spracherwerb, Interkulturelle Kommunikation und Sprachsoziologie. Bevor er an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen wurde, arbeitete er an der Freien Universität Berlin sowie den Universitäten Düsseldorf, Tilburg (Niederlande) und Dortmund. Er hat zahlreiche Publikationen zu verschiedenen Bereichen der Sprachwissenschaft veröffentlicht.


Vom Einschließen und Ausgrenzen
Sprache, Macht, soziale Zugehörigkeit
Univ. Prof. Dr. Ingrid Gogolin
Termin: Freitag, 17. April 2009
Ort: Vereinshaus, Rankweil

Wozu die Schule da ist, scheint völlig klar: um allen Kindern einen gleich guten Start ins Erwachsenenleben zu ermöglichen. Doch wird die Schule diesem Ideal gerecht? Verstärkt sie nicht vielmehr Ungleichheiten, weil sie die begünstigt, die schon einen großen Vorteil haben, nämlich die gute Beherrschung der deutschen Sprache? Werden nicht Fähigkeiten blockiert und verschüttet, die ein Kind in einer anderen Sprache, das heißt: in seiner nicht-deutschen Muttersprache, sehr wohl entwickeln könnte? Doch auch wer Deutsch als Muttersprache hat, ist in unserem Schulsystem nicht automatisch auf der sicheren Seite. Denn wenn dieses Deutsch infolge des Bildungsstands der Eltern nicht genügend ausgebildet ist, können Fähigkeiten in vielen anderen Fächern, wie zum Beispiel Mathematik, möglicherweise nicht der Begabung entsprechend entwickelt werden.

Schule, soziale und kulturelle Herkunft sowie Sprachbeherrschung: Das sind aktuelle Themen der internationalen Bildungsforschung. Sie beschäftigt sich mit den Ursachen ungleicher Bildungserfolge in unseren Schulen. Welche Lehren aus dieser Forschung heute schon im deutschen Sprachraum gezogen werden können, zeigt der Vortrag dieses Abends. Er ist eine Einladung zur Begehung vieler großer und kleiner Baustellen.

Zur Referentin:
Dr. Ingrid Gogolin ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie beschäftigt sich mit Erziehungswissenschaft im internationalen Vergleich und leitet u.a. das Forschungsprojekt "Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (FÖRMIG)", ein Programm zur Verbesserung der bildungssprachlichen Kompetenz von migrantischstämmigen Kindern an Schulen in Deutschland.


Was uns im Innersten zusammenhält
Sprachen, Wir-Gefühle und Identitäten
Univ. Prof. Dr. Inken Keim
Termin: Mittwoch 17. Juni 2009
Ort: Jugendzentrum Vismut, Dornbirn

Lange Zeit ist die Migrationsforschung davon ausgegangen – und der öffentliche Diskurs tut es vielfach heute noch –, dass die Zuwanderer und Zuwanderinnen aus ärmeren Ländern zentrale Elemente ihrer alten Lebenswelt in die neue übertragen würden. Es stimmt: In vielen Fällen werden kulturelle Muster und soziale Beziehungen von zu Hause mitgenommen, weil sie in einer fremden Umwelt Schutz und Sicherheit bieten. Doch genauso oft und in einer erheblichen Spannung mit Hergebrachtem entwickelt sich Neues: ein neues Rollenverständnis von jungen Frauen, neue Bildungsorientierungen, Anfechtung der elterlichen Autorität, neues politisches oder religiöses Denken und zu alldem neues Sprechen.

Vor allem Jugendliche switchen zwischen den Sprach-Welten und den damit zusammenhängenden Identitäten hin und her und schaffen damit neue Sprachen ebenso wie neue Identitäten.

Referentin und KünstlerInnen beobachten und beschreiben an diesem Abend ein solches Wandern zwischen den Welten. Diese Wanderinnen und Wanderer fühlen sich offensichtlich nicht heimatlos. Sie sind auf der Wanderschaft zu Hause.

Zur Referentin:
Dr. Inken Keim-Zingelmann ist Professorin an der Universität Mannheim. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen im ethnographisch-soziolinguistischen und im gesprächsanalytischen Bereich; außerdem im Bereich der Mehrsprachigkeit. In ihrer aktuellen Publikation "Die türkischen Powergirls. Lebenswelt und kommunikativer Stil einer Migrantinnengruppe in Mannheim" (2007) beschreibt sie auf der Basis jahrelanger, intensiver Beobachtungen und Dokumentationen die Lebenswelt, die sozialen Orientierungen und die kommunikativen Praktiken junger Deutsch-Türkinnen, die den schwierigen Weg aus der ethnischen Gemeinschaft in die Mehrheitsgesellschaft gemeistert haben.



Wörter auf der Goldwaage
Konjunkturen in der Bewertung von Sprachen
Dr. Katharina Brizic
Termin: Freitag 25. September 2009
Ort: Remise, Bludenz

Warum sagen wir "Mäntschester", "Tschikago" oder "Marsei", wenn wir Manchester, Chicago oder Marseille meinen? Und warum sagen wir Surdum, Sahin oder Zaimoglu, obwohl die Herren oder Damen "Schurdum", "Schahin" und "Zaimolu" heißen? Die Antwort lautet: Weil wir EngländerInnen, AmerikanerInnen sowie Französinnen und Franzosen höher schätzen als Türkinnen und Türken, und weil folglich eine fehlerhafte Aussprache des Englischen oder Französischen als Ausweis von Ungebildetheit gilt, die Unfähigkeit, Türkisch richtig zu lesen, hingegen als ganz normal angesehen wird. Den Sprachen werden offenbar unterschiedliche Werte zugeschrieben und ihre Beherrschung ist ungleich viel wert. Selbst Akzente können eine Rolle spielen, wenn es um die soziale und berufliche Bewertung von Personen geht.

Die Frage ist jedoch: Welche Chancen vergibt sich eine Gesellschaft, wenn sie derart unterschiedliche Bewertungen vornimmt? Verschüttet sie Ressourcen, statt sie zu aktivieren? Wie kann die Wertigkeit von Sprachen sichtbar und im gesellschaftlichen Diskurs akzeptabel gemacht werden? Welche Chancen bietet Mehrsprachigkeit – auch in Sprachen, die keine soziale oder wirtschaftliche Konjunktur haben?

Zur Referentin:
Dr. Katharina Brizic ist Lektorin am Institut für Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Sie leitet derzeit das Projekt "BildungsErfolg durch SprachTod?" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Forschung zu Sprache und Migration, Sprache und Bildungserfolg, Sprachplanung, Sprachenpolitik und Minderheitenpolitik in Einwanderungs- und Herkunftsländern.


Sprachwirtschaft
Mehrsprachigkeit als Wirtschafts- und Standortfaktor
Vortragende aus Unternehmen in Vorarlberg
Termin: Donnerstag 12. November 2009
Ort: Milleniumspark, Lustenau

Kaufleute wussten immer schon, dass Sprachen die Welt zusammenhalten und dass es ohne ihre Kenntnis keine Welt-Wirtschaft gibt. Diese Einsicht gilt heute nicht weniger als vor zweitausend oder noch mehr Jahren. Heute ist Mehrsprachigkeit sogar zu einem erstrangigen Standortfaktor geworden und nationalistisch verbohrte Einsprachigkeit zu einem Konkurrenznachteil und Entwicklungshindernis.

Viele Vorarlberger Betriebe und Gewerbetreibende haben diese Lektion entweder immer schon gekannt oder rasch begriffen. Heute beschäftigen weltweit operierende Vorarlberger Firmen Menschen aus Portugal, Indien, China oder Irland, und umgekehrt sind Vorarlberger Handwerker mutig in Athen, New York oder Kiew beruflich unterwegs – immer auch mit mindestens einer Fremdsprache im Gepäck.

Hat die Vorarlberger Kultur- und Bildungspolitik das erkannt? Räumen wir Sprachen – auch den sozial weniger anerkannten – den Wert ein, den sie in einer globalisierten Wirtschaft haben? Das sind Fragen, auf die BildungspolitikerInnen, Industrieunternehmer und Gewerbetreibende an diesem Abend eine Antwort geben.

Zu den ReferentInnen:
In Vorarlberg gibt es viele Unternehmen, die entweder über weitere Standorte in anderen Ländern verfügen oder auf Grund eines sehr hohen Exportanteils in viele verschiedene Nationen exportieren. Sprachkenntnisse sind daher für das Management und die MitarbeiterInnen zentrale Erfolgsfaktoren.