Die Projektstelle

"okay.zusammen leben" ist ein landesweit agierender Wissens- und Kompetenzort für Migrations- und Integrationsfragen in Vorarlberg. Träger der Stelle ist der Verein Aktion Mitarbeit. Gegründet wurde sie im Herbst 2001. Finanziell wird sie maßgeblich von der Vorarlberger Landesregierung gefördert.

Vorarlberg ist seit Jahrzehnten ein Land mit Zuwanderung. Es ist heute nach der Bundeshauptstadt Wien das österreichische Bundesland mit dem zweithöchsten Ausländeranteil. Diese Situation resultiert in erster Linie aus der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Vorarlberg wies bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts hohe Industrialisierungsraten auf. MigrantInnen leben in Vorarlberg nicht nur in den wenigen Städten, sondern – entsprechend der flächigen Verteilung der industriellen Produktionsstätten – verteilt über das ganze Land in zahlreichen (auch kleineren) Gemeinden und Städten. Integrationspolitisch gefordert sind daher nicht nur die Landesregierung und die 5 Städte des Landes, sondern auch viele Gemeinden.

Die Einsicht, dass Zuwanderung und die damit verbundene Pluralisierung unserer Gesellschaft keine Übergangsphänomene sind, sondern die westlichen Industriegesellschaften noch über Jahrzehnte prägen werden, erfordert auch eine Politik der Gestaltung der damit verbundenen gesellschaftlichen Prozesse. Integration ist als eine gesellschaftspolitische Querschnittsmaterie zu verstehen, die auf allen Ebenen und in allen Subsystemen unserer Gesellschaft Bewusstsein, Kompetenz und die Umsetzung von Maßnahmen erfordert. Eine solche Politik zielt nicht mehr alleine auf die fremdenpolizeiliche Verwaltung der Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in einem Land, sondern auf möglichst hohe soziale und politische Teilhabemöglichkeiten für alle dauerhaft in einem Land lebenden Menschen. Eine solche Politik versteht sich im Sinne der bestmöglichsten Nutzung des humanen Potentials einer Gesellschaft und der nachhaltigen Sicherung ihres sozialen Zusammenhalts.

In diesem Sinne versteht sich "okay.zusammen leben" als Motor und Kurator einer "lernenden Region", die sich der gesellschaftspolitischen Herausforderung von Migration und Integration gestaltend stellt.

 

Ziele sind

  • die Sensibilisierung der Vorarlberger Gesellschaft für die Bedeutung von Migrations- und Integrationsfragen als zentrale Zukunftsthemen,
  • Aufbau und Führung eines Wissens- und Kompetenzortes zu diesem Themenkomplex,
  • die Entwicklung, Begleitung und Unterstützung von konkreten Integrationsangeboten für MigrantInnen in Vorarlberg,
  • die Einbindung des Landes in den internationalen Erfahrungs- und Wissensaustausch,
  • die Vernetzung von Integrationsakteuren und
  • die Etablierung eines Erfahrungstransfers zwischen EntscheidungsträgerInnen und Integrationsakteuren in Vorarlberg.

 

Programme, Projekte und Produkte der Projekstelle:

  • Internetportal www.okay-line.at für Integration in Vorarlberg
  • Newsletter okay-News (unregelmäßig), okay-Termine (monatlich)
  • Integrationsfachberatung für Integrationsakteure (Politik, Verwaltung, soziale Institutionen, Migrantenorganisationen, Initiativen etc.)
  • Vorträge und publizistische Tätigkeit
  • Engagement-Werkstatt Flüchtlingsintegration – für Freiwillige in der Integrationsbegleitung
  • okay.zusammen lernen - Angebot für Freiwillige, die Flüchtlinge beim Deutscherwerb unterstützen
  • okay.zusammen lernen - Unterrichtsmaterial "Von Mund zu Mund. Erste Sprachhilfe für Deutsch-Neulinge"
  • Programm "mehr Sprache.“ mit den Programmbereichen Frühe Sprachförderung im Kontext lebensweltlicher Mehrsprachigkeit und Sprachkompetenztrainings für Jugendliche
  • "Sprachkompetenztraining+ für Jugendliche" (SKT+)
  • "BrückenbauerInnen" - DolmetscherInnen für die Elternarbeit in Spielgruppen, Kindergärten und Schulen
  • Frühe Sprachförderung (mehrsprachig) – Informationen für Eltern / Elternratgeber „Sprich mit mir und hör mir zu!“
  • Netzwerk mehr Sprache – Kooperationsplattform für einen Chancengerechten Zugang zu Bildung in Gemeinden
  • Weiterbildungsprogramme
  • u. v. m.


Eine ausführliche Beschreibung der Programme, Projekte und Aktivitäten der Projektstelle finden sich auf www.okay-line.at / Modul "okay.Programme"

 

Thematischer Hintergrund

 

Vorarlberg ist seit Jahrzehnten ein Land mit Zuwanderung. Es verfügt heute nach der Bundeshauptstadt Wien über den zweithöchsten Anteil ausländischer Wohnbevölkerung in Österreich. Diese Situation resultiert aus der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sowie politischen Ereignissen in den letzten rund 150 Jahren: Vor allem die Nachkriegsjahrzehnte mit ihrer starken Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland sind auch Jahre einer florierenden Wirtschaft, in denen Vorarlberg zu einem wohlhabenden Land wurde.

Die Einrichtung der Projektstelle spiegelte eine Dynamik, die weit über Vorarlberg hinaus reichte. Deutschland stellte sich zunehmend sachlich seiner Realität als Einwanderungsland und entwickelte auf breiter Basis und parteienübergreifend eine neue nationale Zuwanderungs- und Integrationspolitik. In vielen Schweizer Kantonen wurden Stabstellen für Integrationsfragen auf kantonaler Ebene eingerichtet. Die österreichischen Bundesländer Oberösterreich und Tirol richteten auf der Ebene der Landesverwaltung Stellen für die Förderung von Integrationsmaßnahmen ein, und der Wiener Integrationsfonds feierte 2002 das Jubiläum seines 10-jährigen Bestehens.

Migration und Integration wird auch auf EU-Ebene große Bedeutung beigemessen. Mit dem Vertrag von Amsterdam (1997) wurden die Themen zu expliziten Gemeinschaftsaufgaben. Die Europäische Union arbeitet derzeit auf eine europäische Migrationspolitik und ein für den gesamten EU-Raum geltendes Integrationsregime hin, das auch für die Nationalstaaten bindend werden wird.

Den Hintergrund dieser politischen Dynamik bilden wirtschaftliche und demographische Entwicklungen in Europa. Zum einen leben die entwickelten Industrienationen (auch in der Zukunft) von der Mobilität von Arbeitskräften über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Darüber hinaus können diese Nationen – angesichts ihrer alternden Gesellschaften - nicht auf die Entfaltung des Potentials ganzer Bevölkerungsgruppen verzichten. Letzteres verleiht der Integration von Zuwanderern und ihren Kindern in die Institutionen unserer Gesellschaft, vor allem auch in die Bildungs- und Ausbildungsschienen, gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Die Öffnung von Bildungswegen und die Eröffnung beruflicher und damit gesellschaftlicher Aufstiegsmöglichkeiten (Kernpunkte einer emanzipatorischen Integrationspolitik) reduzieren zudem Symptomkosten, die z. B. delinquentes Verhalten von Jugendlichen mit wenig Zukunftsperspektiven verursachen können.

Sozialer Wandel – (und Zuwanderung ist ein sehr fühl- und sichtbarer Ausdruck sozialen Wandels) – erzeugt nie nur Hoffnungen, sondern ebenso Furcht und Ängste. Diese Ängste und Irritationen können nicht weg geredet werden. Sie zu ignorieren, würde das Gesamtprojekt der friedlichen Bewältigung sozialen Wandels gefährden, denn Gefühlslagen wie Angst, Abwehr, Sympathie und Antipathie bestimmen die Dynamik politischer Einstellungen entscheidend mit. Ängste und Befürchtungen ernst zu nehmen, bedeutet jedoch nicht, ihnen uneingeschränkt recht- oder nachzugeben. In einem anderen Verständnis können sie eine wichtige Orientierungshilfe sein, die zu den Stellen führt, an denen der Schuh konkret drückt.

Zuwanderung ist eine von vielen Herausforderungen, der sich Gesellschaften stellen müssen. Ihre friedliche Bewältigung verlangt allen Beteiligten etwas ab (und ist, so sie gelingt, eine hohe zivilisatorische Leistung). Es bedarf der Integrationsleistung der Menschen, die kommen, und der Aufnahmebereitschaft der Menschen, in deren Gesellschaft sie einwandern. Die Bewältigung dieser Herausforderung kann den Beteiligten nicht abgenommen werden. Sie können dabei aber unterstützt werden; dann, wenn die Herausforderung, die Zuwanderung und Integration bedeuten, zu einer Aufgabe des Gemeinwesens wird, sich unsere Institutionen darauf einlassen und vorbereiten. Das jedoch erfordert – über die sozialen Eliten hinaus – eine breite Anerkennung der Tatsache, dass die Menschen, die als "Gastarbeiter" kamen, und ihre Kinder bleiben: dass wir – auch für die Zukunft - eine Gesellschaft mit Zuwanderung sind.

 

Programmatische Leitlinien

 

Integration als gesellschaftspolitische Querschnittsmaterie

Der Abschied vom "Rotationsmodell" ("Gastarbeiterregime") von Seiten der ZuwandererInnen wie von Seiten der Länder, in die sie eingewandert sind, ist ein markanter Paradigmenwechsel der Politik der deutschsprachigen Länder der letzten Jahre. Die ZuwandererInnen kamen nicht nur als Arbeitskräfte auf Zeit; sie blieben. Und sie kamen zunehmend mit Ehepartnern und Kindern und entwickelten all die gesellschaftlichen Bedürfnisse, die Familien, Kinder, Jugendliche und – zunehmend – alte Menschen an das Gemeinwesen stellen.

Die Einsicht, dass die Pluralisierung unserer Gesellschaft – auch in ethnischer Hinsicht – kein Übergangsphänomen ist, sondern vielmehr zu einem permanenten Zustand wird, erfordert auch eine neue Politik der Gestaltung dieses Phänomens. Integration ist als eine gesellschaftspolitische Querschnittsmaterie zu verstehen, die auf allen Ebenen und in allen Subsystemen unserer Gesellschaft Bewusstsein, Kompetenz und die Umsetzung von Maßnahmen erfordert. Eine solche Politik zielt nicht mehr alleine auf die fremdenpolizeiliche Verwaltung der Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in einem Land, sondern will – im Sinne der bestmöglichsten Nutzung des humanen Potentials einer Gesellschaft und der nachhaltigen Sicherung ihres sozialen Friedens - die möglichst hohe gesellschaftliche und politische Teilhabe der dauerhaft in einem Land lebenden Menschen und deren fairen Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen.

Die Herstellung der Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Gestaltung von Zuwanderung und Integration ist die Aufgabe von Politik. Integration ist jedoch auch eine Herausforderung für die Zivilgesellschaft eines Landes: für Initiativen, Vereine und Institutionen auf Seiten der Einheimischen wie der ZuwandererInnen. Dieses gesellschaftliche Feld stützt Politik nicht nur und setzt auch nicht lediglich um, was von dort verlangt wird; vom zivilgesellschaftliche Bereich sind starke und die Politik fordernde Impulse für die Gestaltung einer nachhaltigen Integrationspolitik ausgegangen.

 

Sensibilisierung, Kompetenzerweiterung, Vernetzung

Entscheidend für die Sensibilisierung für das Thema auf allen gesellschaftlichen Ebenen (Staat und Zivilgesellschaft) ist die Anerkennung der gesellschaftlichen Relevanz dieser Arbeit von Seiten der Politik sowie die Schaffung von Rahmenbedingungen für eine Vernetzung und Stärkung der Akteure, für den Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch sowie das Kennenlernen anderorts entwickelter und praktizierter Modelle.

 

Veröffentlichung

"Nicht-Kommunikation" in Sachen Zuwanderung und Integration oder eine öffentliche Kommunikation, die Probleme verschweigt, macht die Bevölkerung misstrauisch und erleichtert das Schüren von Ängsten. Die Bewältigung der gesellschaftlichen und politischen Herausforderung von Migration und Integration benötigt eine offene und sachliche Diskussion sowie den offenen Austausch über Möglichkeiten und Modelle, die Sache anzugehen.

 

Integration ist Ermächtigung

"okay. zusammen leben" vertritt einen ermächtigenden Integrationsbegriff. Daran orientieren sich auch seine Programme. Maßnahmen müssen auf das Herstellen von Chancengleichheit (insbesondere für die 2. und 3. Generation) und die Beseitigung von Hindernissen zielen, die ZuwandererInnen eine selbsttätige Bewältigung des Alltags erschweren. Diese Menschen fördern und von ihnen fordern ist das Motto, in das sich ein solches Verständnis von Integrationsmaßnahmen übersetzen lässt. Das erfordert gezielte Orientierungshilfen, dort wo sie gebraucht werden (z. B. bei der Ankunft), behutsame Stützung der Menschen durch interkulturelle Sensibilität und Kompetenz der Institutionen, Aufmerksamkeit für die spezifischen Bedürfnisse von Migrantenjugendlichen (die herkunftsspezifischen sozialen Benachteiligungen – z. B. in der Bildung – frühzeitig entgegenzuwirken vermag) sowie die Beseitigung von Diskriminierungen, die sich armutsgefährdend für die betroffene Bevölkerungsgruppe auswirken.

 

Mit den ZuwandererInnen

Integrationsmaßnahmen müssen vermehrt mit den Betroffenen entwickelt und umgesetzt werden. Ihre Entwicklung benötigt den Erfahrungshintergrund dieser Menschen; eine wirksame Umsetzung beruht auf deren aktiven Teilnahme. Das erfordert Wissen um die Zuwanderergemeinschaften und ihre Organisationen, laufenden Kontakt zu den ArtikulatorInnen der Gemeinschaften und den Aufbau und die Pflege von Kommunikationskanälen.

 

Begegnung und Reflexion von Begegnungserfahrung

Begegnung und Kontakt sind entscheidende Faktoren für die Einstellung zur kulturellen und sozialen Integration von Zuwanderern auf Seiten der aufnehmenden Bevölkerung. In diesem Sinne ist die Begegnungserfahrung von Einheimischen und Zugewanderten entscheidend für die Schaffung eines integrationsfreundlichen gesellschaftlichen und politischen Klimas. Begegnung und Kontakt sind jedoch auch entscheidende Faktoren für die Offenheit von ZuwandererInnen gegenüber der Gesellschaft, in die sie einwandern, und deren Institutionen. Eine (auch öffentlich wahrnehmbare) Reflexion und sachliche Beschäftigung mit dieser Begegnungserfahrung schafft das entsprechende Bewusstsein für die Bedeutung dieses Faktors für Integration.