Thematischer Hintergrund

Vorarlberg ist seit Jahrzehnten ein Land mit Zuwanderung. Es verfügt heute nach der Bundeshauptstadt Wien über den zweithöchsten Anteil ausländischer Wohnbevölkerung in Österreich. Diese Situation resultiert aus der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sowie politischen Ereignissen in den letzten rund 150 Jahren: Vor allem die Nachkriegsjahrzehnte mit ihrer starken Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland sind auch Jahre einer florierenden Wirtschaft, in denen Vorarlberg zu einem wohlhabenden Land wurde.

Die Einrichtung der Projektstelle spiegelte eine Dynamik, die weit über Vorarlberg hinaus reichte. Deutschland stellte sich zunehmend sachlich seiner Realität als Einwanderungsland und entwickelte auf breiter Basis und parteienübergreifend eine neue nationale Zuwanderungs- und Integrationspolitik. In vielen Schweizer Kantonen wurden Stabstellen für Integrationsfragen auf kantonaler Ebene eingerichtet. Die österreichischen Bundesländer Oberösterreich und Tirol richteten auf der Ebene der Landesverwaltung Stellen für die Förderung von Integrationsmaßnahmen ein, und der Wiener Integrationsfonds feierte 2002 das Jubiläum seines 10-jährigen Bestehens.

Migration und Integration wird auch auf EU-Ebene große Bedeutung beigemessen. Mit dem Vertrag von Amsterdam (1997) wurden die Themen zu expliziten Gemeinschaftsaufgaben. Die Europäische Union arbeitet derzeit auf eine europäische Migrationspolitik und ein für den gesamten EU-Raum geltendes Integrationsregime hin, das auch für die Nationalstaaten bindend werden wird.

Den Hintergrund dieser politischen Dynamik bilden wirtschaftliche und demographische Entwicklungen in Europa. Zum einen leben die entwickelten Industrienationen (auch in der Zukunft) von der Mobilität von Arbeitskräften über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Darüber hinaus können diese Nationen – angesichts ihrer alternden Gesellschaften - nicht auf die Entfaltung des Potentials ganzer Bevölkerungsgruppen verzichten. Letzteres verleiht der Integration von Zuwanderern und ihren Kindern in die Institutionen unserer Gesellschaft, vor allem auch in die Bildungs- und Ausbildungsschienen, gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Die Öffnung von Bildungswegen und die Eröffnung beruflicher und damit gesellschaftlicher Aufstiegsmöglichkeiten (Kernpunkte einer emanzipatorischen Integrationspolitik) reduzieren zudem Symptomkosten, die z. B. delinquentes Verhalten von Jugendlichen mit wenig Zukunftsperspektiven verursachen können.

Sozialer Wandel – (und Zuwanderung ist ein sehr fühl- und sichtbarer Ausdruck sozialen Wandels) – erzeugt nie nur Hoffnungen, sondern ebenso Furcht und Ängste. Diese Ängste und Irritationen können nicht weg geredet werden. Sie zu ignorieren, würde das Gesamtprojekt der friedlichen Bewältigung sozialen Wandels gefährden, denn Gefühlslagen wie Angst, Abwehr, Sympathie und Antipathie bestimmen die Dynamik politischer Einstellungen entscheidend mit. Ängste und Befürchtungen ernst zu nehmen, bedeutet jedoch nicht, ihnen uneingeschränkt recht- oder nachzugeben. In einem anderen Verständnis können sie eine wichtige Orientierungshilfe sein, die zu den Stellen führt, an denen der Schuh konkret drückt.

Zuwanderung ist eine von vielen Herausforderungen, der sich Gesellschaften stellen müssen. Ihre friedliche Bewältigung verlangt allen Beteiligten etwas ab (und ist, so sie gelingt, eine hohe zivilisatorische Leistung). Es bedarf der Integrationsleistung der Menschen, die kommen, und der Aufnahmebereitschaft der Menschen, in deren Gesellschaft sie einwandern. Die Bewältigung dieser Herausforderung kann den Beteiligten nicht abgenommen werden. Sie können dabei aber unterstützt werden; dann, wenn die Herausforderung, die Zuwanderung und Integration bedeuten, zu einer Aufgabe des Gemeinwesens wird, sich unsere Institutionen darauf einlassen und vorbereiten. Das jedoch erfordert – über die sozialen Eliten hinaus – eine breite Anerkennung der Tatsache, dass die Menschen, die als "Gastarbeiter" kamen, und ihre Kinder bleiben: dass wir – auch für die Zukunft - eine Gesellschaft mit Zuwanderung sind.