okay-Studien, Nr. 2/2004 – Eine Begräbnisstätte für Muslime und Musliminnen in Vorarlberg

Studie von Elisabeth Dörler im Auftrag von "okay. zusammen leben/Projektstelle für Zuwanderung und Integration", November 2004.


Der Bedarf nach einer islamischen Begräbnisstätte in Vorarlberg ist wohl der augenfälligste Beleg dafür, dass dem "Rotationsmodell" der Arbeitsmigration aus den südosteuropäischen Ländern und der Türkei nach Österreich in den letzten 40 Jahren eine falsche Annahme unterlag. Die Menschen, die kamen, wie auch die Gesellschaften der Länder, in denen sie als Arbeitskräfte gebraucht wurden, lebten lange im von beiden Seiten geteilten Glauben, dass die "Gastarbeiter" lediglich für eine begrenzte Zeit bleiben werden, um Geld für den Aufbau einer Existenz in der Heimat zu verdienen. Mittlerweile lebt die dritte Generation der seit den 60er Jahren gekommenen Menschen im Land; und auch die erste Generation, die derzeit das Pensionsalter erreicht, überlegt zunehmend, ihren Lebensabend bei ihren Kindern und Enkelkindern zu verbringen, die immer öfter StaatsbürgerInnen des Landes werden, in das ihre Eltern und Großeltern aus Arbeitsgründen gekommen sind.

Die Arbeitsmigration nach Vorarlberg der letzten Jahrzehnte hat auch die religiöse Landschaft des Landes verändert. Dem über viele Jahrhunderte religiös-kulturell weit gehend homogenen christlichen Vorarlberg ist durch die Zuwanderung aus der Türkei und Bosnien eine veritable muslimische Bevölkerungsgruppe zugewachsen. In Vorarlberg ist der Islam mit einem Anteil von rund 9 % der Bewohnerschaft die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes nach der katholischen Kirche geworden. Österreichweit stellt der Islam die drittgrößte Religionsgemeinschaft dar. Dass aus ArbeitsmigrantInnen auf Zeit Einwanderer und Einwandererinnen geworden sind, wirft daher nun auch die Frage nach der religiösen Infrastruktur des Islam in Vorarlberg und an erster Stelle nach einer islamischen Begräbnisstätte auf.

Dem Paradigma des Rotationsmodells entsprechend, wurden bisher die überwiegende Zahl der muslimischen Verstorbenen in ihre Heimatländer überführt. Das macht keinen Sinn mehr, wenn man in Vorarlberg Eigentum und die österreichische Staatsbürgerschaft erwirbt. Im Herbst 2003 hatten sich daher die islamischen Gemeinschaften zur "Initiativgruppe Islamischer Friedhof" zusammen geschlossen, um gemeinsam am Ziel der Schaffung religiös korrekter Begräbnismöglichkeiten für Muslime in Vorarlberg zu arbeiten. Am 23. August 2004 reichten sie den Antrag zur Errichtung einer islamischen Begräbnisstätte bei der Vorarlberger Landesregierung ein.

Die hier vorliegende Studie liefert die Wissensgrundlagen für die Errichtung einer Begräbnisstätte für Muslime in Vorarlberg und richtet sich an EntscheidungsträgerInnen, MultiplikatorInnen und Interessierte. Sie soll den für die Errichtung notwendigen Prozess zwischen den islamischen Gemeinschaften und den in der Frage involvierten mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen unterstützen und zum Aufbau einer breiten gesellschaftlichen Trägerschaft für ein selbstbewusstes multi-religiöses Land beitragen.

Die staatsrechtlichen Grundlagen für ein islamisches religiöses Leben in Österreich sind längst geschaffen. Das "Sichtbarwerden" einer "anderen" und für ein Land neuen Religionsgemeinschaft ist jedoch potentiell immer mit gesellschaftlichen Irritationen verbunden. Das Sichtbarwerden des Islam in unseren Ländern vollzieht sich noch dazu parallel zu einer Entwicklung, die - verursacht durch weltpolitische Ereignisse - "den Islam" in undifferenzierter Weise zunehmend auf "islamischen Fundamentalismus" reduziert. Eine gute Gestaltung eines solchen Prozesses benötigt daher ein Bewusstsein für dessen Dynamik, Dialogbereitschaft und einen konstruktiven Gestaltungswillen auf muslimischer wie mehrheitsgesellschaftlicher Seite.

Inhalt der Studie:
1 Demographische Grunddaten: Muslime und Musliminnen in Vorarlberg
2 Die religiöse Landschaft des Islam in Vorarlberg
3 Die "Initiativgruppe Islamischer Friedhof"
4 Die islamischen Bestattungsvorstellungen und ihre Praxis außerhalb islamischer Länder
5 Bisherige Bestattungspraxis der Muslime in Vorarlberg
6 Die Vorarlberger Friedhöfe
7 Staatskirchenrechtliche Grundlagen
8 Stellungnahme der römisch-katholischen Kirche
9 Modelle für islamische Friedhöfe bzw. Gräberfelder in Österreich und Deutschland
10 Reaktion der Vorarlberger Öffentlichkeit
11 Zusammenfassung der für die Errichtung einer islamischen Begräbnisstätte in Vorarlberg wichtigen Punkte